Merchants of Doubt (OmU)

Merchants of Doubt (OmU)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Tolldreiste Taschenspieler

Food Inc. beleuchtete die Abgründe der US-amerikanischen Lebensmittelindustrie. Dafür gab es 2010 eine Oscarnominierung als bester Dokumentarfilm. Jetzt führt Regisseur Robert Kenner die perfiden Strategien von Lobbyisten vor. Auch Merchants of Doubt hätte eine Nominierung verdient.
Robert Kenner hat ein Faible für ausgefeilte Vorspänne. In Food Inc. sind die Titel auf Supermarktartikel montiert, während die Kamera auf einem Einkaufswagen durch den Laden fährt. Bei Merchants of Doubt stehen sie auf Spielkarten, die der Magier Jamy Ian Swiss durch die Luft wirbelt. Die Analogie zur Zauberei verwundert zunächst, handelt Kenners jüngster Dokumentarfilm doch von den (Werbe-)Strategien der Konzerne und deren (vermeintlichen) Experten. Je länger Merchants of Doubt läuft, desto schlüssiger erscheint der Vergleich jedoch. Schließlich arbeiten auch die titelgebenden „Händler des Zweifels“ mit Ablenkung und Täuschung. Robert Kenner schickt sich an, deren billige Taschenspielertricks zu enthüllen.

Dafür blickt er ein halbes Jahrhundert zurück in die Tabakindustrie. Obwohl deren Entscheidungsträger bereits Ende der 1950er Jahre wissen, dass ihre Produkte krebserregend sind, müssen sie sich erst in den 1990er Jahren dafür verantworten. Das Ergebnis einer ausgeklügelten Strategie, Regulierungen und Restriktionen über Jahrzehnte hinauszuzögern. Das Konzept kommt aus der Werbebranche. Deren Rat ist ebenso simpel wie effektiv: „Wenn ihr die Beweise nicht leugnen könnt, sät Zweifel!“ (Fans der Fernsehserie Mad Men dürfte das bekannt vorkommen.) Für eine erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit geben die Werber den Tabakbossen einen Leitfaden an die Hand, den in der Folge unzählige andere Branchen kopieren.

Merchants of Doubt macht diesen Leitfaden öffentlich. Regisseur Robert Kenner beschränkt sich dabei auf die Tabak-, die Flammschutzmittel- und die fossile Energiebranche, zwischen denen er Bezüge und Verbindungen herstellt. Deren Strategie wird über die Jahrzehnte immer aggressiver. Da niemand den Firmensprechern eine Unvoreingenommenheit abkauft, kauft sich die Industrie kurzerhand vermeintlich objektive Gegenpositionen ein. Bezahlte Experten oder solche, die sich dafür ausgeben, reden in den Medien den Firmen nach dem Mund. Fakten sind nebensächlich, solange sich die „Händler des Zweifels“ besser als ihre Gegenüber verkaufen, was angesichts vieler medienscheuer Wissenschaftler nicht schwerfällt. Hilft selbst das nicht, ist jedes Mittel recht. Selbst vor Diffamierungen der Gegenseite schrecken einige Lobbyisten nicht zurück.

Merchants of Doubt ist ein politisches Lehrstück. Es entlarvt die zweifelhaften Strategien der im Film behandelten Konzerne. Erschreckend offenherzig geben deren Akteure über ihre teils fiesen Methoden Auskunft – zumindest diejenigen, die sich vor die Kamera trauen. Kenner zeigt aber auch, wie leicht es ist, eine politische Position, eine bloße Meinung, die jeder faktischen Grundlage entbehrt, zur Expertise zu (v)erklären und wie leicht die Politik, die Medien und die Öffentlichkeit darauf hereinfallen. Wer immer noch am Klimawandel zweifelt, sollte sich dringend diesen Film ansehen. Ob er danach seine Meinung ändert, sei dahingestellt. Denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier und selbst mit guten Argumenten nur schwer von einer vorgefassten Meinung abzubringen. Hier geht es mehr um Weltbilder, Lebensentwürfe und (politische) Lager als um Daten und Fakten. Auch das führt Merchants of Doubt eindrücklich vor.

Der einzige Vorwurf, den man Kenner machen muss, ist dessen Umgang mit den Lobbyisten. An einigen Stellen versäumt er es sträflich, sie auf ihre Widersprüche festzunageln. An anderen legt Komponist Mark Adler karikierende Musik unter ihre Aussagen, um deren Lächerlichkeit zu unterstreichen. Hier lässt auch Kenner seine Objektivität fahren und bietet den Skeptikern und Leugnern eine, wenn auch winzige, Angriffsfläche, die sie bestärken könnte, weiter an ihrem Weltbild festzuhalten.

Allen kritischen, zur (Selbst-)Reflexion fähigen Geistern bietet Kenners Dokumentarfilm hingegen einen Mehrwert. Es ist wie bei Jamy Ian Swiss‘ Zaubertricks: Wer einmal weiß, wie sie funktionieren, wird nie wieder darauf hereinfallen.

Merchants of Doubt (OmU)

„Food Inc.“ beleuchtete die Abgründe der US-amerikanischen Lebensmittelindustrie. Dafür gab es 2010 eine Oscarnominierung als bester Dokumentarfilm. Jetzt führt Regisseur Robert Kenner die perfiden Strategien von Lobbyisten vor. Auch „Merchants of Doubt“ hätte eine Nominierung verdient.
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