Menschen am Sonntag

Menschen am Sonntag

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eine stumme Liebeserklärung an Berlin

Mit Menschen am Sonntag erscheint innerhalb der Filmedition Momente des deutschen Films ein Klassiker der späten Stummfilmzeit, der 1930 in Berlin uraufgeführt wurde. Die deutsche Metropole zur Zeit der Weimarer Republik bietet auch die Kulisse dieses semi-dokumentarischen filmischen Kleinods, das sich im Vorspann als ein „Film ohne Schauspieler“ präsentiert. Ohne professionelle Akteure, bedeutet diese kecke Koketterie, denn bald darauf werden die Protagonisten von Zwischentiteln flankiert vorgestellt: der Taxifahrer Erwin Splettstößer, die Verkäuferin Brigitte Borchert, der Offizier, Landwirt, Antiquar, Eintänzer und augenblickliche Weinreisende Wolfgang von Waltershausen, die Film-Komparsin Christl Ehlers und das Mannekin [sic!] Annie Schreyer. „Diese fünf Leute standen hier zum ersten mal in ihrem Leben vor einer Kamera“, wird anschließend dem Zuschauer erklärt, „Heute gehen sie alle wieder ihren Berufen nach.“
Dass der Sonntag im Leben dieser Menschen eine wohlige Interpunktion des Alltags darstellt, transportiert dieser Film, der an einem Sonnabend in Berlin beginnt, in unsagbar charmanter Weise. Da schleicht der Weinvertreter Wolfgang auf der Straße eine ganze Weile um die hübsche Christl herum, bis er sie schließlich anspricht und ins Café einlädt. Daraus erwächst eine Verabredung am Nikolaussee für den Sonntag, die sich allerdings ganz anders als erwartet gestalten wird, denn Christl bringt ihre beste Freundin Brigitte mit, die Wolfgang offensichtlich allzu sehr gefällt. Der Taxifahrer Erwin wird auch mit von der Partie beim Ausflug in die Natur sein, denn seine Freundin Annie zieht es vor, den Ruhetag komplett zu verschlafen.

Planten sie auch ursprünglich, am Samstag zusammen auszugehen, zerstreiten sich der Taxifahrer Erwin und seine Freundin Annie in ihrem kleinen Zimmer dermaßen, dass sie im Bett bleibt und er den Abend trinkseelig mit seinem Nachbarn verzockt. Dass sie im Eifer des Gefechts ihre kleine Galerie von Starfotos zerrupfen, stellt einen wunderbar signifikanten Ausschnitt dar, der die gesamte Ausrichtung von Menschen am Sonntag repräsentiert: Hier geht es nicht um Schauspieler und die übliche Inszenierung des Kinos jener Zeiten, sondern um eine unspektakuläre Darstellung der kleinen Leute, die innerhalb des dokumentarischen Stadtporträts schlichtweg sich selbst spielen.

Ob im urbanen Raum oder bei der sonntäglichen Erholung in der Natur an den Wassern der Metropole fängt Menschen am Sonntag eindrucksvolle Bilder in Schwarzweiß des historischen Berlins ein, die Kameramann Eugen Schüfftan mit seinem damaligen Assistenten Fred Zinnemann (Zwölf Uhr mittags / High Noon, Verdammt in alle Ewigkeit / From Here to Eternity, Geschichte einer Nonne / The Nun’s Story), dessen Name bei der Crew allerdings nicht auftaucht, mit eleganter Leichtigkeit gestaltet hat. Als Regisseure werden Robert Siodmak und Edgar G. Ulmer aufgeführt sowie als Drehbuchautor Billie [sic!] Wilder nach einer Reportage von Kurt [sic!] Siodmak, wobei diese später noch beachtlich erfolgreichen Filmemacher sozusagen kollektiv dieses außergewöhnliche Debüt inszenierten. Auf Grund der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft in Deutschland emigrierten alle Fünf schließlich in die USA, wo sie sich rasch jeder auf seine Art im Filmgeschäft etablierten.

In Menschen am Sonntag ist der heranwehende Mief der Nazi-Diktatur noch nicht zu spüren, und die Protagonisten erscheinen eingebettet in das städtische wie ländliche Ambiente erstaunlich modern und freizügig für diese Zeit, so wie der gesamte Film als innovatives Experiment mit Laiendarstellern erscheint, deren erfrischendem, gelungenem Zusammenspiel zweifellos der Zauber eines Debüts anhaftet. Der Film, dessen Negativ verloren ist und der nach einer gekürzten, im holländischen Filmmuseum erhaltenen Kopie rekonstruiert wurde, wurde damals überwiegend an Sonntagen gedreht, da dies nun einmal tatsächlich der freie Tag in ihrem Alltag war. So beinhaltet Menschen am Sonntag in hohem Maße authentische Augenblicke, die dieses ebenso in vielerlei Hinsicht kuriose wie unterhaltsame Werk der deutschen Filmgeschichte zu einem bedeutenden Zeitdokument erheben – und nicht zuletzt zu einer charismatischen Liebeserklärung an das damalige Berlin, das im sonntäglichen Licht dieser unbeschwerten Sommertage eine gelassene Fröhlichkeit atmet. Bevor der Montag mit seinem Arbeitsleben die Protagonisten erneut absorbiert, verabreden sie sich für den nächsten Sonntag, auf den, wie der abschließende Text verkündet, vier Millionen Menschen in Berlin warten.

Menschen am Sonntag

Mit „Menschen am Sonntag“ erscheint innerhalb der Filmedition „Momente des deutschen Films“ ein Klassiker der späten Stummfilmzeit, der 1930 in Berlin uraufgeführt wurde.
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