Mensch Kotschie

Mensch Kotschie

Eine Filmkritik von Peter Gutting

Ein Mann in der Menopause

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? So lautet der Titel eines philosophischen Bestsellers. Aber die Verwirrung, die sich in diesen Worten ausdrückt, passt auch hervorragend zum Seelenzustand des Filmhelden Jürgen Kotschie. Der gute Mann weiß einfach nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Und das ist bei allem ernsten Hintergrund wunderbar lustig.
Kurz vor seinem 50. Geburtstag könnte Jürgen Kotschie (Stefan Kurt) auf ein höchst erfolgreiches Leben zurückblicken. Eigentlich ist alles da: gut bezahlter Job, großes Haus, treu sorgende Ehefrau. Aber plötzlich steht Jürgen Kotschie irgendwie neben sich. Er kann sich nur noch wundern über das, was um ihn herum passiert. Nichts ist mehr selbstverständlich, alles bekommt eine fremdartige Anmutung. Wer ist das, der da ins Büro geht, den demenzkranken Vater besucht und am Abend den Gartenschlauch ruiniert? Und wer ist dieser andere, der aus dem Rahmen gefallen ist und sich nun die Augen reibt? Ein Mann in der Midlife-Crisis? So könnte man den Zustand nennen, den der Arzt im Film als "männliche Menopause" tituliert. Könnte man – wenn der Begriff nicht so abgedroschen wäre und ein falsches, weil klischeebeladenes Licht auf Norbert Baumgartens (Buch und Regie) erfrischende Komödie werfen würde.

Inhaltlich ist hier alles versammelt, was man so von den Männern der Lebensmitte erwartet: plötzliche Ausbruchsversuche, unerwartet jugendliches Gehabe und der feste Vorsatz, alles hinzuschmeißen. Aber das Bekannte wird sogleich visuell gebrochen. Und zwar vor allem durch einen Stilwillen, der für den Zustand des Aus-der-Welt-Fallens unverbrauchte Bilder findet. Mit übertriebenen Farben, überraschenden Perspektiven und einem weitwinklig verfremdeten Blick schafft Kameramann Lars Lenski eine Welt, von der man oft nicht weiß, ob sie nun real oder geträumt ist.

Denn eigentlich ist Kotschies Welt beides. Das Leben wird ihm zum Albtraum. Und in den kurzen Nächten schreckt der Schlafgestörte aus Angstträumen auf, die seinen realen Sorgen entspringen. Weil dem guten Mann so ziemlich alles entgleitet, hat der Slapstick seinen logischen Platz. Die Dinge wenden sich gegen ihn, machen das Leben noch schwerer. Herrlich mit anzusehen, wie Kotschie zum Beispiel in einer Herrentoilette mit mehreren Waschbecken das Wasser zum Laufen zu bringen versucht. Bewegt er die Hände unter dem einen Hahn, läuft das Wasser prompt im dem daneben. Versucht er es aber dort, tritt jetzt dieser zweite Hahn in den Wasserstreik. Statt dessen verhöhnt ihn der erste Hahn, indem er nun, da die Hände woanders sind, das Wasser freigibt.

Es ist nicht nur der hintergründigen komödiantischen Leistung von Stefan Kurt zu verdanken, dass dieser Humor nicht in ein Lachen über das Missgeschick anderer abgleitet. Es ist vor allem, der einfühlsame, manchmal fast mitleidige Blick, den Mensch Kotschie auf seinen Helden wirft. "Ich sehe was, was du nicht siehst" – dieser Kinderspruch beschäftigt Kotschie, von ihm kommt er nicht los. Mit Recht. Denn er kann tatsächlich erst am Ende sehen, was er die ganze Zeit falsch gemacht hat. Obwohl es doch so klar zutage liegt, dass wir Zuschauer es jederzeit sehen können. Aber zugleich wissen wir auch. So ist es eben in Krisen. Das geht uns genauso, dass wir dann blind sind für das eigentliche Problem. Gut möglich, dass wir dann auch nicht mehr wissen, wer wir sind. Und wenn ja - wie viele.

Mensch Kotschie

Wer bin ich – und wenn ja wie viele? So lautet der Titel eines philosophischen Bestsellers. Aber die Verwirrung, die sich in diesen Worten ausdrückt, passt auch hervorragend zum Seelenzustand des Filmhelden Jürgen Kotschie. Der gute Mann weiß einfach nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Und das ist bei allem ernsten Hintergrund wunderbar lustig.
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