Marvel's Jessica Jones - Staffel 2

Marvel's Jessica Jones - Staffel 2

Eine Filmkritik von Sonja Hartl

Am Rand des Wahnsinns

Die Vergangenheit lässt sich nicht einfach abschütteln, diese Erkenntnis quält Jessica Jones ( Krysten Ritter ) in der zweiten Staffel zunehmend. Die ganze Welt hat gesehen, wie sie einen Mord begangen hat – und nicht alle glauben, dass sie ihre Kräfte unter Kontrolle hat. Was aber weit schwerer wiegt: Auch sie selbst zweifelt zunehmend daran, dass sie ihre Wut und Aggressionen noch bändigen kann. Verliert sie sich im Wahnsinn?

Ab dem 8. März 2018 zeigt Netflix die zweite Staffel von Jessica Jones und vorab waren die ersten 5 Folgen zu sehen. Aber zuvor sei kurz an die erste Staffel erinnert: Nachdem sie einsehen musste, dass sie sich als Superheldin nicht eignet, schlägt sich Jessica Jones als Privatdetektivin durch. Als Jugendliche hat sie bei einem Autounfall ihre Eltern und ihren jüngeren Bruder verloren, wurde aber durch „experimentelle“ medizinische Eingriffe gerettet, die sie zudem mit außerordentlichen Körper- und Flugkräften ausgestattet haben. Jessica wollte diese Kräfte nicht. Aber damit nicht genug: Als sie im Zuge eines neuen Auftrags nach einer verschwundenen jungen Frau sucht, muss sie feststellen, dass diese unter den Einfluss des hochgefährlichen Kilgrave (David Tennant) geraten ist. Er kontrolliert und manipuliert Gedanken – und hatte auch einst Jessica in seiner Gewalt, eine Zeit, in der er sie psychisch und physisch missbraucht und zu einem Mord angestiftet hat. Seither ist Jessica schwer traumatisiert und hat fast alle Bande zu anderen Menschen gekappt – einzig ihrer Adoptivschwester Trish (Rachael Tayler) nähert sie sich wieder an. Aber nun ist klar, dass nur Jessica Jones Kilgrave besiegen kann. Also lässt sie sich auf sein manipulatives Spiel bis zur Selbstaufgabe ein – und tötet ihn am Ende.

Ging es in der ersten Staffel sehr deutlich um die Themen Trauma, consent und Kontrolle, hat Jessica Jones zu Beginn der zweiten Staffel weiterhin vor allem mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen. Wie gewohnt trinkt sie, um zu vergessen, und lässt sich auf flüchtigen Sex ein. Aber sie kann einfach nicht vergessen und auch die jüngsten Ereignisse zeigen Spuren. Sie beginnt allmählich, sich vor sich selbst zu fürchten. Immer wieder eckt sie an, rastet aus und damit nehmen allmählich die Probleme zu: Der neue Hausmeister will sie aus ihrer Wohnung schmeißen. Sie wird wieder einmal verhaftet. Und sogar Trish setzt ihr zunehmend zu, weil sie herausfinden möchte, wer hinter IGH steckt, dem Unternehmen, das damals die Experimente an Jessica durchgeführt hat und am Ende der ersten Staffel den Polizisten Will Simpson (Wil Traval) entführt hat, der durch eine rote Pille zum psychopathischen Mörder wurde.

Dadurch bewegt sich die Geschichte bisher auch deutlich von einer Kriminalerzählung wie in der ersten Staffel hin zu dem bekannten Superhelden-Topos des „Wie gehe ich nur mit meinen Fähigkeiten um?“-„Bin ich ein Monster?“-Strangs. Das sind Fragen, die über die X-Men bis zu den Heroes schon ausführlich behandelt wurden. Vermutlich soll damit das emotional tiefe Loch gefüllt werden, das durch Kilgraves Tod in der ersten Staffel gerissen wurde. Immerhin liegt die Ursache all dieser Fragen in dem Autounfall von Jessicas Eltern, der das neben Kilgrave zweite große Trauma dieser Figur ausmacht. Auch wird ihr durch eine mögliche neue Gegenspielerin, die noch stärker und wütender als Jessica Jones ist, eine Art Spiegelfigur gegenübergestellt. Aber bisher hat Jessica Jones diesem Topos nichts Neues hinzugefügt.

Vielmehr gibt es durch die Verankerung in der Figur Jessica Jones wenig Handlung, die es an Spannung mit der ersten Staffel aufnehmen könnte. Vielmehr zeigt sich hier das Problem aller Netflix-(Marvel-)Serien: Sie ist sehr langsam erzählt. Mit Folge 5 lässt sich noch nicht sagen, wohin die Serie steuert, vielmehr wurden Trish und die knallharte Anwältin Jeri Hogarth (Carrie-Anne Moss) mit Handlungssträngen bedacht, die ebenfalls ausführlich erzählt werden – und hier deutet sich eine Verbindung an.

Aber weiterhin bleiben natürlich auch die Vorzüge dieser Serie erhalten: Alles ist hier an Noir angelehnt, ohne ihn als bloßen Gimmick zu nutzen. Jessica Jones ist kaputter als fast alle anderen kaputten Privatdetektive, sie trinkt mehr – und sie hat sogar die besseren One-liner. Gleich in der ersten Folge erwidert sie auf die Aussage des schnieken konkurrierenden Privatdetektivs Pryce Cheng (Terry Chen), der sie zu gerne in seine Detektei locken möchte, dass er ein Nein niemals als Antwort akzeptiert, ein schlichtes „How rapey of you“.

Außerdem ist Jessica Jones in dem trotz Wonder Woman weiterhin männlich geprägten Superheldenuniversum eine wohltuende Ausnahme, von der gerade Marvel noch mehr bräuchte: Jessica und Trish sind die Hauptfiguren, ihnen zur Seite stehen der männliche Side-Kick Malcom (Eka Darville) und ein love interest. Aber hier muss auch konstatiert werden, dass die weibliche Welt in Jessica Jones bisher – und ganz im Gegensatz zu der männlichen Besetzung – sehr weiß ist.

Deshalb lässt sich nach den ersten 5 Folgen der zweiten Staffel vor allem festhalten, dass Jessica Jones in Atmosphäre, Charakteren und Dialogen das Niveau der ersten Staffel hält, bisher aber leider die Spannung in der Handlung vermissen lässt. Aber wer weiß: 8 Folgen kommen noch.

 

Und wie sieht es nun aus, am Ende der zweiten Staffel von Jessica Jones?

Es bleibt dabei, dass es eine Serie ist, in der alle wichtigen Figuren von Frauen gespielt werden – aber ausschließlich weißen Frauen. Und das ist schade. Auch das Tempo der Serie ist schlichtweg zu langsam. Schon die ersten 5 Episoden erfordern Geduld, auch danach sorgt ein Twist lediglich für einen sehr guten Cliffhanger zwischen zwei Folgen, danach geht es recht gemächlich weiter.

Aber es ist auch dieser Twist, der erklärt, warum zunächst nur die ersten 5 Folgen zur Vorabsichtung zur Verfügung standen. Denn am Ende von Folge 6 erfolgt die zentrale und wichtigste Enthüllung der Serie, die nun hier verraten wird. Wer hier weiterliest, erfährt wichtige Handlungselemente! Die Gegenspielerin von Jessica Jones entpuppt sich nämlich als ihre Mutter Alisa (Janet McTeer), die nicht bei dem Autounfall ums Leben gekommen ist, sondern noch schwerer als Jessica verletzt wurde und von demselben Arzt behandelt wurde. Und nicht nur das: An ihr hat Dr. Malus ähnliche Experimente vorgenommen, auch sie konnte er „retten“ – allerdings zu dem Preis, dass sie ihre Wut nicht kontrollieren kann. Sie ist damit weit mehr als eine metaphorische Spiegelfigur für Jessica, sondern die stärkere, wütendere, tödlichere, unkontrollierbare Version.

Damit kulminieren in dieser Mutter-Tochter-Beziehung fast alle Fragen, die Jessica Jones in dieser zweiten Staffel verhandeln will: Wie geht man mit seinen Kräften um? Sind Jessica und Alisa Helden oder Monster? Jedoch kann auch das nur wenig darüber hinwegtrösten, dass dieser gesamte Erzählstrang wenig glaubhaft ist. Nun ist Glaubwürdigkeit in einer Serie, die von Superheldenkräften erzählt, sicherlich eine schwierige Kategorie. Aber es geht hier nicht um Fähigkeiten oder Möglichkeiten, sondern um die Verbindung zwischen Alisa und Jessica sowie die Rolle der Mutter in der Gesamtgeschichte. Sicherlich ist es interessant, mehr über Jessicas Vergangenheit zu erfahren und auch der Konflikt, ob Jessica ihrer Mutter – einer Mörderin – helfen will oder nicht, birgt Potential. Denn Alisa mordet nicht, weil ihre Gedanken kontrolliert werden, sondern weil sie ihre Wut nicht unter Kontrolle hat. Aber letztlich verzeiht Jessica ihrer Mutter immer wieder – sogar die Ermordung ihrer großen Liebe – und zwar allein aus dem Grund, dass sie ihre Mutter liebt.

Leider leidet durch die Mutter-Tochter-Beziehung auch die Freundschaft zu Trish. Gab es endlich mal im Fernsehen eine Freundschaft zwischen zwei Frauen, die einander unterstützen, helfen und vertrauen, schleicht sich nun zunehmend Missgunst und Neid ein. Offenbar kommt Trish nicht damit zurecht, dass Jessica die Kräfte hat und sie nicht – und hier übersieht sie vollends, was sie hat. Stattdessen lässt sie Jessica mit jeder bewusst getroffenen Entscheidung letztlich als Konsequenz immer weiter absinken: Mit ihrer Untersuchung ruft sie Alisa auf den Plan; als sie beginnt, Simpsons Inhalierer zu benutzen, wird nicht nur sie süchtig, sondern sie missbraucht auch Malcolm, und durch die Entführung von Dr. Malus verhindert sie, dass Jessica ihren Plan umsetzen kann. All diese Entscheidungen waren egoistisch – und so wird hier nach und nach aus einer vertrauensvollen, stärkenden Freundschaft eine toxische Beziehung. Das ist sehr bedauerlich, denn Frauenfreundschaften voller Eifersucht, Manipulationen und Zerstörungen gibt es in fiktionalen Erzählungen bereits genug. Und über diese Entwicklung kann auch die Hellcat-Referenz am Ende der Staffel nicht hinwegtrösten.

Insgesamt bleibt die zweite Staffel also deutlich hinter der ersten zurück, aber sie rundet die Figur Jessica Jones weiter ab. Sie zeigt, wie sie vor und nach Kilgrave war, sie muss sich letztlich entscheiden, ob sie nun eine Heldin sein will oder nicht – und letztlich beweist Jessica Jones am Ende, dass sie sich weiterhin nicht brechen lassen will, egal, wie viel sie zu erleiden hat. Und es bleibt durchaus spannend, wie eine dritte Staffel aussehen könnte. Schließlich ist nun Jessicas Vergangenheit endgültig ausreichend behandelt worden.

Marvel's Jessica Jones - Staffel 2

Marvel’s Jessica Jones ist eine von Melissa Rosenberg konzipierte Netflix-Produktion mit Krysten Ritter in der Rolle der titelgebenden Superheldin, die als Privatdetektivin in New York City tätig ist und von ihrer Vergangenheit eingeholt wird.

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Daten und Fakten

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DVD
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Anbieter
Netflix
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