MansFeld

MansFeld

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Peitschenknallen und Familienprägung

„Es waren einmal drei sehr unterschiedliche Jungen. Auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt vertrieben sie den Winter aus ihrem Dorf.“ Mit diesen Worten ließe sich der Film durchaus treffend beschreiben – und das, obwohl MansFeld kein Märchen, sondern ein Dokumentarfilm ist.
Regisseur Mario Schneider ist im Mansfelder Land aufgewachsen, einer Region, über Jahrhunderte vom Bergbau geprägt, die mit der Stilllegung der Berg- und Hüttenwerke aber in einen wirtschaftlichen Dornröschenschlaf fiel, den auch der Fall der Mauer nicht nachhaltig stören konnte. Schon in seinen Filmen Helbra (2003) und Heinz und Fred (2006) hat sich Schneider den Menschen dieser strukturschwachen aber traditionsreichen Region auf einfühlsame und eigenwillige Art genähert. In MansFeld erzählt er nun von drei 9-jährigen Jungen und deren sehr unterschiedlichen Familien, von den Prägungen und Mysterien der Kindheit, von regionalen Bräuchen und universellen Gefühlen des Erwachsen-Werdens.

Tom, Sebastian und Paul gehen in die vierte Klasse und üben sich im Peitschenschwingen. Jedes Jahr wird an Pfingsten mit einem archaischen Ritus der Winter aus den Dörfern vertrieben. Erwachsene Männer suhlen sich im Schlamm, klammern sich fest und wollen nicht weichen. Junge Burschen in blütenweißen Trachten knallen mit bis zu 4 Meter langen Peitschen und schlagen schließlich die Männer in die Flucht. Die Jungen übernehmen das Regiment, der Frühling vertreibt den Winter: Das ist der Lauf des Lebens und im Mansfelder Land ein Ritual seit über 1000 Jahren. Dieses Mal ist es an den drei Jungs die Peitschen zu schwingen.

MansFeld begleitet Tom, Sebastian und Paul in ihrem Alltag ein Stück weit auf dem Weg zum Erwachsen werden. Die drei kommen aus sehr unterschiedlichen familiären Verhältnissen. Tom wächst bei seiner Mutter und ihrer Lebensgefährtin auf. Sein Vater kommt auf Besuch vorbei, doch es ist die Lebensgefährtin, die mit ihm das Peitschen knallen übt. Er wirkt behütet, wird gefördert und macht sich erstaunlich reife Gedanken über Gott und die Welt, den Tod und das Ende der Kindheit. Paul dagegen muss darum kämpfen, in der Schule überhaupt mitzukommen. Seine Mutter ist damit überfordert, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen. Er ringt mit seinem Bruder um die Anerkennung des Vaters, doch diesen plagt die Angst vor Arbeitslosigkeit. Sebastian schließlich kommt aus intakten bürgerlichen Verhältnissen, tobt lieber mit seinem kleinen Bruder herum, als Hausaufgaben zu machen und ist der Mädchenschwarm in der Klasse.

Was den Film auszeichnet, ist die Nähe, die der Regisseur zu seinen Protagonisten und deren Familien aufbaut. Der Zuschauer wird ganz ohne Voyeurismus zum intimen Beobachter des Familienalltags. Die Kamera wird im Kreise der Familien ganz selbstverständlich integriert und sitzt mit am Küchentisch, auf der Couch, oder vor dem Einschlafen auf der Bettkante. Doch der Film verharrt in seiner Montage nicht in der Beobachtung, sondern setzt assoziative Momente, Landschaftsimpressionen, Archivmaterial und ganz gezielt klassische Musik ein, um eine Film-Erzählung zu formen, die über die lebendigen Einblicke in drei konkrete Kindheiten hinausgeht und dabei die Mysterien der Kindheit im allgemeinen heraufbeschwört.

Dafür scheint hier in der Tat der perfekte Ort zu sein: Die schwarze Kupferschiefer-Halde, die wie eine düstere Kulisse aufragt, lässt das kleine Dorf wie auf einer Märchenbühne wirken. Ein aus der Zeit gefallener, sagenumwobener Ort, in dem der Geist der Vergangenheit lebendig ist. Ein Motiv, in das sich auch das schwarz-weiße Archivmaterial aus den 1920er Jahren organisch einfügt, das zeigt, wie das „Drecksaufest“ (wie das heidnische Pfingstritual heute genannt wird) früher begangen wurde.

Wenn im letzten Akt von MansFeld dann Tom, Paul und Sebastian zu den Klängen von Strawinskis Le sacre du printemps peitschenschwingend dasselbe Ritual zu vollziehen, wie Generationen von Heranwachsenden vor ihnen, dann weiß der Zuschauer nicht nur um die Hoffnungen und Sorgen, Prägungen und Pläne dieser drei Jungen. Er hat ein märchenhaftes und zugleich authentisches Stimmungsbild einer Region gesehen, die zwar im wirtschaftlichen Dornröschenschlaf liegen mag, aber dennoch (oder gerade deshalb) viel über das wirkliche Leben und die menschliche Existenz erzählen kann.

MansFeld

„Es waren einmal drei sehr unterschiedliche Jungen. Auf ihrem Weg in die Erwachsenenwelt vertrieben sie den Winter aus ihrem Dorf.“ Mit diesen Worten ließe sich der Film durchaus treffend beschreiben – und das, obwohl „MansFeld“ kein Märchen, sondern ein Dokumentarfilm ist.
  • Trailer
  • Bilder

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.

Weitere Filme von

Mario Schneider

Weitere Filme mit