Mann beißt Hund

Mann beißt Hund

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Unbehagen in Überdosis

Eine Low-Budget-Produktion aus Belgien sorgte bei ihrer Uraufführung im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 1992 und darüber hinaus für Furore und kontroverse Diskussionen, und über zwanzig Jahre später nimmt sich die bitter-böse Brisanz dieser satanischen Satire, die nun erstmals in Deutschland auf DVD und auch auf Blu-ray erscheint, nicht minder heftig aus. Es ist die schonungslose, detaillierte und zutiefst inhumane Darstellung von Gewalt in unterschiedlichsten Ausformungen, die bei Mann beißt Hund als scheinbare Dokumentation über den Arbeitsalltag eines Räubers und Mörders präsentiert wird, der seine Opfer wahllos malträtiert und dabei von einem Kamerateam gefilmt wird.
Der Auftakt des Films gestaltet sich so abwechslungsreich wie verwirrend: In einem fahrenden Zug tötet ein Mann eine Frau, um im Anschluss daran mit geradezu heiterer Kaltblütigkeit über das professionelle Versenken einer anderen Leiche in einen Fluss zu räsonieren. Wenig später stellt dieser lebendig und sympathisch wirkende Ben (Benoît Poelvoorde) – offensichtlich ein engagierter, freiberuflich tätiger Serienkiller – seinem Kamerateam und Publikum seine Familie vor, um dann wiederum seinen brutalen Überfall auf einen Briefträger filmen zu lassen. Mit diesem extremen Wechsel von harmlosen bis exzentrischen persönlichen Betrachtungen, zynischen Beschreibungen über die Techniken des Mordgeschäfts und grausamen Ungeheuerlichkeiten an den Opfern setzt sich der fiktive Dokumentarfilm über den exaltierten Ben fort, der seine zunächst nur stoisch filmenden Begleiter immer stärker in seine unsäglichen Umtriebe verstrickt, so dass sie allmählich zu seinen Komplizen und letztlich selbst zu Opfern werden.

Mann beißt Hund, dessen deutscher Titel an die alte Reporterregel angelehnt ist, dass es keinen Bericht wert ist, wenn ein Mann von einem Hund gebissen wird, im umgekehrten Falle aber schon, prangert mit seiner plakativen Brutalität nicht nur die moralische Räudigkeit des übelst charismatischen Helden und seines korrupten Kamerateams stellvertretend für die Zunft der Berichterstattung an, sondern seine derbe Provokation mit der distanzierten Banalisierung gröbster Gewalt bis hin zu korrumpierender Lachhaftigkeit stellt eine geradezu globale Betrachtung über Film und Brutalität dar, die im Verlauf der teuflisch geschickt angelegten Dramaturgie mit süffiger Selbstverständlichkeit vom vorgegaukelt öffentlichen in den privaten Raum sickert und dort beispielsweise die Geburtstagsfeier Bens in blutige Unbeherrschtheit ausbrechen lässt und damit eine weitere unsichtbare Grenze überschreitet. Das ist schockierender Stoff, wenn die drei belgischen Regisseure Rémy Belvaux, André Bonzel und Benoît Poelvoorde, der mit unerhört schräger Lässigkeit den fanatischen Mörder verkörpert, eine extrem abstoßende Vergewaltigung inszenieren, deren abgeschlachtetes Opfer als pervertiertes Stillleben zurückbleibt.

Der krasse Gegensatz eines Feel Good Movies wurde seinerzeit in Cannes mit dem SACD Preis und kurioserweise mit einem „Special Award of the Youth“ ausgezeichnet, was sicherlich seiner waghalsig tabureichen, aufwühlenden Thematik und Darstellungsform geschuldet ist, denn Mann beißt Hund ist wahrlich kein Film, der gefällt, wohl aber ein unverschämtes Schelmenstück mit immenser Bedeutung als Impuls einer Reflexion gleichermaßen über verrohende Kinowelten wie über deren sich damit verlustierendes Publikum, und zwar sowohl die dokumentarische wie die narrative Ebene betreffend, die hier verstörend ineinander fließen. Drastisch endet der Film, der gelegentlich an Marcus Mittermeiers Muxmäuschenstill und Mathieu Kassovitz’ Assassin(s) denken lässt, und ebenso drastisch ist das wohl beabsichtigte Unbehagen in Überdosis, das er hinterlässt.

Mann beißt Hund

Eine Low-Budget-Produktion aus Belgien sorgte bei ihrer Uraufführung im Rahmen der Internationalen Filmfestspiele von Cannes 1992 und darüber hinaus für Furore und kontroverse Diskussionen, und über zwanzig Jahre später nimmt sich die bitter-böse Brisanz dieser satanischen Satire, die nun erstmals in Deutschland auf DVD und auch auf Blu-ray erscheint, nicht minder heftig aus.
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