Maman ist kurz beim Friseur

Maman ist kurz beim Friseur

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eltern und andere Katastrophen

Endlich Sommerferien, denken sich die drei Kinder der Familie Gauvin, als der Schulbus sie am letzten Schultag zuhause abliefert. Es ist das Jahr 1966; irgendwo in Quebec, dem französischsprachigen Teil Kanadas. Doch der Sommer, der nun folgt, wird es in sich haben und keinesfalls nur voller Freude und unbeschwertem Vergnügen sein – dafür sorgen schon die Erwachsenen. Die Leidtragenden sind wie so oft die Kinder. Dabei hatte dieser Sommer so verheißungsvoll begonnen, voller Liebe und Wärme. Und zunächst sieht es auch ganz nach einer wundervollen Zeit aus – zumindest für die drei Geschwister Coco (Élie Dupuis), Benoît (Hugo St-Onge-Paquin) und Elise (Marianne Fortier). Dabei sind am Horizont dieses Sommers längst dunkle Wolken aufgezogen. Und die wachsen bald zu einem gewaltigen Gewitter heran. Denn um die Ehe der Eltern ist es nicht zum Besten bestellt.
Als die Mutter (Céline Bonnier) von der Affäre ihres Mannes mit dessen Golfpartner erfährt, packt sie Hals über Kopf ihre Sachen und lässt ihre Kinder allein mit dem Vater zurück. Vor allem die 15-jährige Elise ist nun vollauf gefordert, den schmerzhaften Verlust der Mutter möglichst erträglich zu gestalten. Eine viel zu schwere Aufgabe für das Mädchen. Auch ihre beiden Brüder leiden auf ihre jeweils eigene Art unter der neuen und verwirrenden Situation, Coco vergräbt sich in der Garage und bastelt an einer Seifenkiste herum, die er mit einem Rasenmähermotor ausgestattet hat. Der kleine Benoît versucht die Ereignisse zu verarbeiten, indem er immer wieder schräge Aktionen ausheckt und auf diese Weise Dampf ablässt – offensichtlich leidet er unter neurologischen Problemen, wie sich im Lauf der Zeit herausstellt. . Nicht gerade leichter wird die Situation dadurch, dass nach außen hin der Schein des ganz normalen Lebens mit aller Macht aufrechterhalten werden muss, dass die Neigungen des Vaters mit Rücksicht auf die Kinder als „Krankheit“ bezeichnet werden und die Abwesenheit der Mutter eben damit, dass sie beim Friseur sei…

„Von unglücklichen Kindern würde ich nie erzählen, wenn ich ein Buch schreibe. Das ist zu gewöhnlich“, sagt Elise an einer Stelle des Films und umreißt damit die Agenda der Regisseurin Léa Pool. Natürlich sind Coco, Benoît und Elise kreuzunglücklich, als sie und ihr Vater von der Mutter verlassen werden. Dennoch behält der Film lange Zeit seinen sommerlich-leichten Tonfall bei, in den sich anfangs kaum wahrnehmbar kleine Störungen und Widersprüchlichkeiten drängen, bis schließlich die ganze Tragödie der unmöglichen Situation deutlich zutage tritt. Dennoch überwiegt niemals das Schwere, was auch an den bezaubernden Kinderdarstellern liegt, die dafür sorgen, dass man selbst in den tragischsten Momenten noch ein Lächeln kaum unterdrücken kann.

Maman ist kurz beim Friseur ist ein liebevoller und routiniert inszenierter, nahezu europäisch wirkender Independent-Film über das Heranwachsen, den man sich durchaus auch auf der großen Leinwand hätte vorstellen können. Abgesehen von einigen Festivaleinsätzen, bei denen der Film überwiegend positiv bis leicht euphorischen aufgenommen wurde, hat es Léa Pools charmante Reise in die 1960er leider nicht auf die große Leinwand geschafft, kann aber nun zumindest auf dem heimischen DVD-Player genossen werden. Keine schlechte Wahl für einen leicht nostalgischen Filmabend zuhause, der zum Nachdenken anregt, zum Lachen und an manchen Stellen auch dazu, eine klitzekleine Träne zu verdrücken.

Maman ist kurz beim Friseur

Endlich Sommerferien, denken sich die drei Kinder der Familie Gauvin, als der Schulbus sie am letzten Schultag zuhause abliefert. Es ist das Jahr 1966; irgendwo in Quebec, dem französischsprachigen Teil Kanadas. Doch der Sommer, der nun folgt, wird es in sich haben und keinesfalls nur voller Freude und unbeschwertem Vergnügen sein – dafür sorgen schon die Erwachsenen.
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