Lucifer

Lucifer

Ein nie blinzelndes Auge

Gott ist ein Kreis. Perfekte Geometrie. Du glaubst. Du betrügst. Du erlischst. Dann beginnt der Glaube von vorn. Du tanzt. Du hebst ab. Siehst alles. Siehst gar nichts. In der Zwischenzeit ist die Welt die Hölle geworden, an die du dich erinnerst. Familien betrügen sich, wollen überleben. Dieser Film ist der ewige Blick auf alles und jeden. Auch auf dich. Er will dich sehen. Aber du bist nicht da.
Dieser Film heißt Lucifer. Der belgische Regisseur Gust van der Berghe hat ihn gedreht. Einzigartig und eigentümlich in Form und Inhalt, wundert es einen sehr, dass diese filmische Expedition bislang nicht viel mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Schließlich ist Lucifer der erste Film, der im extra für ihn entwickelten Tondoscope-Format gedreht wurde. Tondoscope ermöglicht es dem Regisseur, einen Film in einer einzigen Kreiseinstellung zu drehen. Bislang bedeutete dies für das eingefangene Bild eine grobe Verzerrung an den Rändern. Durch das neue Verfahren wird diese aufgehoben. Unverzerrte Panoramaaufnahmen werden so möglich. Durch Spiegeltricks sogar raumumfassende Einstellungen, die aussehen, als wäre die Welt durch den Boden eines dicken Weinglases gefilmt.

Aber van der Berghe hat keinen Experimentalfilm gedreht. Tondoscope ist kein Gimmick, das allein für sich bewundert werden will. Das ist wichtig und unterstreicht das Talent des Filmemachers. Denn er will vor allem etwas erzählen. Basierend auf einem belgischen Theaterstück ist Lucifer die Geschichte eines Wunders: In einem kleinen mexikanischen Dorf, angesiedelt am jüngsten Vulkan der Erde, sieht man eine Leiter aus dem Himmel ragen. Jemand sieht eine Person herabsteigen. Der jüngste Tag scheint gekommen. Was keiner weiß, es ist Lucifer (Gabino Rodríguez), der gefallene Engel, der das Dorf besucht. Und so nimmt das Unglück seinen Lauf. Ein eingebildeter Kranker wird geheilt und eine unbefleckte Empfängnis wird ins Gegenteil verkehrt. Lucifer verschwindet. Aber wer ist schuld? Aus den Hoffnungen der Dorfbewohner erwächst Misstrauen. Einwohner werden verstoßen, beschuldigt. Scham regiert das Dorf. Das Böse hat sein Werk getan und ist verschwunden. Zurück bleiben: eine sehr menschliche Verzweiflung und die unendliche Trauer, die folgt, wenn die lang ersehnte Erlösung sich als bloße Chimäre erweist.

Van der Berghe erzählt das in sehr hypnotisch-ruhigen Bildfolgen. Die kreisrunden Bilder wirken wie in einen mythischen Morgennebel getaucht. Die Menschen reden langsam, bewegen sich schlafwandlerisch durch ihr Leben. In dieser beredten Ruhe erinnern die Bilder an die Filme von Carlos Reygadas, der in gewisser Weise hier Pate gestanden haben muss, ohne dass van der Berghe ihn kopiert. Lucifer ist ein faszinierendes, in sich völlig ruhiges Kunstwerk. Ein Film, der wie durch ein Medaillon gefilmt wurde, voller trauriger Nostalgie. Dabei gestaltet er eine Welt, die sich im ständigen Tanz befindet; von Wahrheit und Lüge, Liebe und Verrat, Hoffnung und Pessimismus. Alles beobachtet durch ein nie blinzelndes Auge. Es wäre jetzt sehr verführerisch zu sagen: durch Gott. Doch dieser Verführung zu erlegen, würde bedeuten, einen Pakt mit dem Teufel einzugehen. Und davon lassen wir mal lieber die Finger...

(Festivalkritik Nowe Horyzonty Festival 2015 von Patrick Wellinski)

Lucifer

Gott ist ein Kreis. Perfekte Geometrie. Du glaubst. Du betrügst. Du erlischst. Dann beginnt der Glaube von vorn. Du tanzt. Du hebst ab. Siehst alles. Siehst gar nichts. In der Zwischenzeit ist die Welt die Hölle geworden, an die du dich erinnerst. Familien betrügen sich, wollen überleben. Dieser Film ist der ewige Blick auf alles und jeden. Auch auf dich. Er will dich sehen. Aber du bist nicht da.
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