Lornas Schweigen

Lornas Schweigen

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die Passion der Lorna

In einem berühmten Essay aus dem Jahre 1972 widmete sich der Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader (Ein Mann für gewisse Stunden / American Gigolo und Katzenmenschen / Cat People) dem transzendentalen Stil im Film. Schriebe man die Geschichte des transzendentalen Stils im Kino bis in die jüngste Zeit weiter, ganz sicher wäre dem Kino der beiden Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne (Das Kind — L’enfant) in dieser Fortsetzung ein gewichtiges Kapitel gewidmet – und das nicht nur wegen ihrer Verehrung für Robert Bresson, einen der drei wichtigsten Regisseure des „transcendental style“. Selten allerdings sah man die Nähe der beiden Brüder zum Transzendentalen so unmittelbar wie in ihrem neuesten Film Lornas Schweigen / Le silence de Lorna, der sich im Gewand einer spröden Realitätsschau mehr und mehr zu einem gewaltigen Gleichnis über Liebe, Erlösung, Vergebung und das Gewissen als letzte Instanz menschlicher Existenz steigert.
Im Mittelpunkt der Parabel steht die aus Albanien stammende Lorna (Arta Dobroshi), die im belgischen Liège ihr Glück sucht. Sie träumt davon, gemeinsam mit ihrem Freund Sokol (Alban Ukaj) eine kleine Snack Bar zu eröffnen, doch noch fehlt es am nötigen Kleingeld. Das soll ihr nun ein verzwickter Deal einbringen, den der Kleingangster Fabio (Fabrizio Rongione) ausgeheckt hat: Lorna soll den Junkie Claudy (Jérémie Renier) heiraten, um so in den Besitz der belgischen Staatsbürgerschaft zu gelangen. Nach dem inszenierten Drogentod Claudys – so der Plan weiter – ehelicht Lorna dann nach einer kurzen Trauerzeit einen zwielichtigen Russen, so dass dieser wiederum in den Besitz eines belgischen Passes gelangt. Zunächst funktioniert der Plan auch so wie gedacht, da sich alle Beteiligten an ihre zugeschriebenen Rollen in dem perfiden Spiel halten.

Doch ausgerechnet Claudy, der ständig jammernde Junkie, schafft es, in Lorna eine Veränderung hervorzurufen. Trotz ihrer äußerst angespannten Lage sieht sie sich dazu genötigt, dem elenden Bündel an ihrer Seite zu helfen, was sie in Konflikt mit den Plänen von Fabio bringt. Und so wird es zur entscheidenden Frage des Films, ob Lorna sich dem Unvermeidlichen fügt und Claudy dem sicheren Tod preisgibt oder ob sie ihrem Herzen und der schlichten Mitmenschlichkeit folgt und das diffizile Arrangement gefährdet.

Am Schluss erwartet Lorna ein Kind – oder meint dies zumindest. Denn der Befund des Arztes ist negativ, die Schwangerschaft nur eine eingebildete. Vielleicht, so darf man vermuten, ist das ja etwas ganz Anderes, was sie da in sich rumoren fühlt – die Gewissheit, dass die Liebe, zumal jene, die nicht von Berechnung und Erwartungen getrieben ist, uns manchmal ganz unverhofft und im unpassendsten Moment trifft.

Der neueste Film der Gebrüder Dardenne ist ein so strenges, so reduziertes und am Ende metaphysisches Stück Kino, dass viele Kritiker an der Croisette bereits meinten, den beiden Regisseuren aus Belgien könnte wohl der cineastische Hattrick gelingen – was aber nicht geschah. Dennoch und bei aller Sperrigkeit des kargen Filmes ragt auch dieser haushoch über das Mittelmaß-Blabla der meisten Produktionen heraus. Jean-Pierre und Luc Dardenne sind den prekären Lebensverhältnissen der Immigranten im reichen Mitteleuropa auf der Spur und zeichnen zugleich das treffende, aufs Äußerste konzentrierte Bild einer Gesellschaft, die längst bis in die hintersten Winkel der Existenz kommerzialisiert und globalisiert ist. Schlichte Mitmenschlichkeit oder gar Liebe, wie sie Lorna widerfährt, ist da schon ein echter Luxus, den man sich eigentlich nicht mehr leisten kann oder darf. Und wenn, dann ist das ein Unfall, ein Unglück, das in Einsamkeit, Isolation und Wahn treibt – was für eine Welt.

Dabei ist Lornas Schweigen / Le silence de Lorna durchaus nicht unproblematisch und wartet mit einigen schroffen Wendungen auf, die die Zuschauererwartungen mehrmals in die Irre führen: Lornas wundersame Wandlung kommt recht unvermittelt und wird in dem sowieso sehr reduzierten Drama niemals auch nur ansatzweise erklärt. Ebenso erschließt sich in Claudys Schicksal nach einem befremdlichen Anschluss erst nach einer kleinen Weile der Irritation. So ist das Leben eben, scheinen die Brüder Dardenne resignierend und doch voller Hoffnung ihrem Film als Motto mit auf den Weg gegeben zu haben. „Life is what happens to you while you’re busy making other plans“, sang dereinst John Lennon in seinem Song „Beautiful boy“. Davon kann auch Lorna ein Lied singen. Und der Rest ist Schweigen.

Lornas Schweigen

In einem berühmten Essay aus dem Jahre 1972 widmete sich der Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader (Ein Mann für gewisse Stunden / American Gigolo und Katzenmenschen / Cat People) dem transzendentalen Stil im Film.
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