Looking For Cheyenne

Looking For Cheyenne

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die Liebe in den Zeiten sozialer Desorientierung

Sonia (Aurélia Petit) liebt Cheyenne (Mila Dekker), und Cheyenne liebt Sonia, da liegt nicht das Problem. Doch während Sonia sich als engagierte Lehrerin in der urbanen Welt von Paris durchaus am richtigen Ort fühlt, ergeht es der Journalistin Cheyenne bereits eine Weile ganz und gar nicht mehr so. Die gesellschaftskritische junge Frau erträgt ihren Alltag kaum mehr – die Kräfte raubende Suche nach einem passenden Job, finanzielle Nöte und den Unwillen, ihrer Geliebten auf der Tasche zu liegen. Und eines Tages entscheidet sich Cheyenne dafür, einfach auszusteigen und die Zwänge des zivilisierten Lebens hinter sich zu lassen, doch das bedeutet gleichzeitig eine schmerzhafte Trennung von Sonia, für die ein solcher Schritt überhaupt nicht in Frage kommt.
Die absolut gegensätzlichen Pfade, die die beiden Frauen nun ohne einander beschreiten, erinnern nicht wenig an die Fabel von der Stadtmaus und der Feldmaus: Sonia emphielt ihr wundes Herz den Versuchungen der schillernden Metropole und betäubt den gewaltigen Kummer über den Verlust ihrer großen Liebe mit heftigen Affären, eingebettet in das tägliche Spannungsfeld politisch unruhiger Zeiten. Sie fühlt sich zu Pierre (Malik Zidi), einem jungen Weltverbesserer hingezogen, der sie einfallsreich umwirbt und begeistert Sprüche wie „Liebe ist stärker als Geld“ unter das Volk bringt, und lässt sich gleichermaßen von der mondänen Béatrice (Guilaine Londez) verführen, die ein materiell sorgloses Dasein als lakonische Verfechterin großer Leidenschaften führt.

Cheyenne hingegen bricht radikal mit den Abhängigkeiten und Annehmlichkeiten der Stadt, belädt ein Fahrrad mit ihrem transportablen Hab und Gut und führt von nun an gemeinsam mit der widerborstigen Edith (Laurence Côte), einer einstigen Gefährtin, ein freies Leben jenseits von zivilisatorischen Errungenschaften wie Strom und fließendem Wasser in einer rauen Natur, fernab der von ihr als pervers empfundenen gesellschaftlichen Ordnung. Doch vor allem bei Sonia erscheint eine heftige Sehnsucht immer fordernder als peinigende Begleiterin, und nach einer langen Weile des Widerstands begibt sie sich schließlich auf die Suche nach ihrer Cheyenne, ohne die sie nicht wahrhaft froh sein kann …

Auf über 30 Festivals weltweit, von Paris und Brüssel über Kopenhagen und Hamburg bis nach Bratislava und Istanbul sowie an zahlreichen Orten in den USA und Kanada wurde das Spielfilmdebüt der französischen Regisseurin Valérie Minetto präsentiert und von Publikum und Presse äußerst wohlwollend aufgenommen. Looking For Cheyenne / Oublier Cheyenne ist ein Erstlingswerk mit einem ungewöhnlich reichen Reportoire an unterschiedlichen und scheinbar gegensätzlichen Gestaltungsmitteln und Nuancen, leise und krachend, nüchtern und verspielt, realistisch und magisch, das sich durch eine beunruhigende Intensität auszeichnet. Das Universum einer tiefen, verletzlichen Liebe zweier Frauen prallt auf die sozialen und politischen Ideale und Unwegsamkeiten der Epoche, in der sie leben, durchtränkt von der tragischen Zerrissenheit, nicht mit der Anderen, aber auch nicht ohne sie leben zu können.

So deutlich wahrnehmbar auch die französischen Wurzeln dieser dichten Gesellschaftsstudie sind, beleben doch kleine erfreuliche Innovationen den Film, der in letzter Konsequenz überwiegend eine ergreifende Liebesgeschichte erzählt, in der die gleichgeschlechtliche Orientierung im 21. Jahrhundert nicht mehr problematisiert, sondern als selbstverständlich gegebener Bestandteil unserer Gesellschaft transportiert wird.

Looking For Cheyenne

Sonia (Aurélia Petit) liebt Cheyenne (Mila Dekker), und Cheyenne liebt Sonia, da liegt nicht das Problem.
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