London River

London River

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Dienstag, 16. Juni 2009, ARTE, 22:30 Uhr

Im Februar erst war dieser Film im Wettbewerb der 59. Berlinale zu sehen und begeisterte durch seine feinfühlige Darstellung einer ungewöhnlichen Freundschaft unter denkbar schwierigen Bedingungen. Nun wird er bereits im Fernsehen ausgestrahlt. Zugegeben, es gibt nicht viele Gründe, das Pantoffelkino der großen Leinwand vorzuziehen. Der heutige Abend aber bietet mit Die Jagd nach dem Jade Skorpion, Prinzessinnenbad und diesem großen Film von Rachid Bouchareb gleich drei gute Gründe dafür.
Irgendwie mag man diese englische Lady mit den streng nach hinten gekämmten Haaren sofort: Wie sie sich um ihren Garten und ihre Esel kümmert, wie sie am Grab ihres 1982 im Falkland-Krieg gestorbenen Mannes mit diesem Zwiesprache hält, wie sie in der kleinen Kirche auf der Insel Guernsey singt – das alles macht den Eindruck, als könne diese Frau nichts erschüttern. Auch und gerade deswegen, weil sie im Laufe ihres Lebens einige Rückschläge einstecken musste. Doch dann geschieht das Schreckliche: Am 7. Juli 2005 explodieren in der Londoner U-Bahn und in einem Linienbus nahezu zeitgleich vier Bomben, 56 Menschen finden den Tod, rund 700 Passanten werden zum Teil schwer verletzt. Elisabeth Sommers (Brenda Blethyn), die Frau aus Guernsey, erfährt von den Anschlägen wie die meisten aus den Nachrichten. Voller Sorge ruft sie ihre einzige Tochter Jane an, die in London lebt. Doch dort meldet sich auch nach mehreren Versuchen immer nur der Anrufbeantworter. Bis Elisabeth es vor lauter Sorge nicht mehr aushält und selbst nach London fährt, um nach dem Rechten zu sehen. Doch auch dort taucht Jane nicht auf. Stattdessen begegnet Elisabeth immer wieder dem schlaksigen, mit grauen Rasta-Locken geschmückten Afrikaner Ousmane (Sotigui Kouyate), der in Frankreich als Gärtner arbeitet und der seit den Anschlägen seinen Sohn Ali vermisst. Und schnell stellt sich heraus, dass Ali und Jane einander kannten, gemeinsam arabisch lernten (was für die strenge Protestantin von der kleinen britischen Insel ein echter Schock ist) und mehr noch – dass sie ein Liebespaar waren. Nach anfänglichem Zögern und Ressentiments von Seiten Elisabeths schließen sich die beiden zusammen und machen sich gemeinsam auf die Suche nach ihren Kindern, sie durchleben alle Höhen und Tiefen einer Zeit voller schrecklicher Ungewissheit – bis sie am Ende Gewissheit haben.

Zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, getrennt durch Rasse, Herkunft, sozialen Stand und Religion, die die Grenzen zwischen sich durch eine schlimme Erfahrung überwinden lernen – das hätte auf den ersten Blick ein ganz entsetzlich schulmeisterlicher, pädagogisch wertvoller, aber auch ziemlich blutleerer Film werden können. Rachid Boucharebs London River ist aber all dies nicht, sondern ein zu Herzen gehender Film voller kleiner Gesten und einiger kleiner Lacher, der seine Botschaft nicht laut in die Welt hinausposaunt und stattdessen einem wundervoll ungleichen Paar viel Raum lässt, sich auch und gerade im gemeinsamen Schmerz aufeinander zu zu bewegen. Und wie die beiden gemeinsam ihrer Wege gehen, die kleine, rundliche Lady und der baumlange, klapperdürre Afrikaner mit dem Gehstock – das ist ein Bild, das man so schnell nicht vergisst.

London River

Im Februar erst war dieser Film im Wettbewerb der 59. Berlinale zu sehen und begeisterte durch seine feinfühlige Darstellung einer ungewöhnlichen Freundschaft unter denkbar schwierigen Bedingungen. Nun wird er bereits im Fernsehen ausgestrahlt. Zugegeben, es gibt nicht viele Gründe, das Pantoffelkino der großen Leinwand vorzuziehen. Der heutige Abend aber bietet mit Die Jagd nach dem Jade Skorpion, Prinzessinnenbad und diesem großen Film von Rachid Bouchareb gleich drei gute Gründe dafür.
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