Lockender Lorbeer

Lockender Lorbeer

Eine Filmkritik von Rajko Burchardt

Zornige junge Männer

Blutige Gesichter beim Rugby-Spiel, von Schmutz bedeckte Körper unter Tage – die ersten parallel montierten Bilder zeigen zwei unterschiedliche Arbeitsmodelle des Protagonisten und produzieren doch Eindrücke einer ebenbürtigen Tortur. Beide Male ist Frank Machin (Richard Harris) zu sehen, ehemaliger Bergwerksarbeiter und gegenwärtiger Star der nordenglischen Rugby League. Auf dem Spielfeld erleidet Frank einen Kieferbruch, erstmals ist der große, tumbe Kerl außer Gefecht gesetzt. Seine Erinnerungsfetzen an ein vergangenes Leben stellen den erzählerischen Motor des Films an, zwei Stunden wird sich Lockender Lorbeer zwischen unterschiedlichen Zeitebenen der Handlung und vor allem Gefühlszuständen seiner Figur bewegen – und dem wesentlich sinnfälligeren Originaltitel This Sporting Life über eine Rückblendenstruktur Ausdruck verleihen.
Nur vordergründig geht es dabei um den Karriereaufstieg dieser geschundenen Figur. Zwar sieht Regisseur Lindsay Anderson (If…) seinen Frank Machin von den sozialen Versprechungen des Rugby-Gewerbes motiviert (und schmückt dessen Geschick beim Aushandeln von Verträgen, beim Eindruckschinden gegenüber Managern angemessen widerlich aus), doch scheinen ihm genauere Milieudetails weitgehend egal zu sein. Nicht die sportliche, sondern mentale Logik der Errungenschaften interessieren den Film: Sehr abrupt schneidet Anderson in Franks entscheidendes erstes Spiel nach seiner Übernahme durch den Mannschaftsinhaber Gerald Weaver (Alan Badel), nachdem er einem Familienausflug aufs Land ungleich mehr Spielzeit einräumte. Für bloße Sportfilmdramaturgie ist er sich offensichtlich zu schade.

Frank lebt mit der Witwe Margaret Hammond (Rachel Roberts) und deren zwei Kindern zusammen. Er inszeniert sich als neuer Ehemann und Ersatzvater, seine Liebe zur depressiven Vermieterin jedoch bleibt unerwidert. Margaret ist eine der wenigen erträglichen Figuren des Films, bezeichnenderweise auch dessen einzige, die allenfalls gleichgültigen Spott für Franks berufliche und finanzielle Vervollkommnung übrig hat. Zum Selbstvertrauen, zu „all dieser Großspurigkeit“ geht sie auf Distanz, fühlt sich gar beschämt vom großkotzigen Auftreten des ungewollten Familienoberhauptes. Frank wird sie dafür erniedrigen, wird sie vergewaltigen und schlagen – um damit endgültig jedes Verständnis auszuräumen, das der Film für die infantile Brutalität seines Zampanos gerade noch aufzubringen bereit war.

In der schmucklos-dokumentarischen Photographie ebenso wie der assoziativen Montage ist Lockender Lorbeer deutlich als Schlüsselwerk der aus dem Free Cinema hervorgegangenen British New Wave identifizierbar, obgleich sein Kitchen Sink Realism von der kaum alltäglichen und nicht ausschließlich einfache Lebensverhältnisse abbildenden Geschichte zugleich in Frage gestellt wird. Andersons stilistisch reizvolle Mischung aus sozialem und psychologischem Realismus ebnete schließlich den Weg für ähnliche Milieustudien, allen voran Martin Scorseses 17 Jahren später entstandenem Wie ein wilder Stier, dessen Darstellung des zornigen jungen Mannes Jake LaMotta deutlich von den virilen Markigkeitsgesten eines Frank Machin beeinflusst ist. Gleichwohl er heute im Schatten seines Nachfolgers steht, hat Lindsay Anderson doch den ungleich klügeren Film über männliche Hybris gedreht.

Das Klassiker-Label Pidax präsentiert die deutschsprachige DVD-Erstveröffentlichung von Lockender Lorbeer im Originalformat 1,66:1 und sehr guter Bild- wie Tonqualität. Der deutschen Synchronfassung ist unbedingt die dialektstarke Originalversion vorzuziehen, obgleich sich leider keinerlei Untertitel hinzuschalten lassen. Ein Nachdruck der zeitgenössischen Illustrierten Film-Bühne bildet das einzige Extra dieser Edition, für mehr Bonusmaterial müsste man auf die besser ausgestattete, aber auch ungleich teurere US-DVD von Criterion zurückgreifen. Wer hingegen erst einmal nur den Film sehen möchte, kann mit der Pidax-Version nicht viel falsch machen.

Lockender Lorbeer

Blutige Gesichter beim Rugby-Spiel, von Schmutz bedeckte Körper unter Tage – die ersten parallel montierten Bilder zeigen zwei unterschiedliche Arbeitsmodelle des Protagonisten und produzieren doch Eindrücke einer ebenbürtigen Tortur. Beide Male ist Frank Machin (Richard Harris) zu sehen, ehemaliger Bergwerksarbeiter und gegenwärtiger Star der nordenglischen Rugby League.
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