Little Baby Jesus of Flandr

Little Baby Jesus of Flandr

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Es war einmal im kalten Flandern...

Die Legende von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind huldigen, dürfte bekannt sein. Schon weniger bekannt ist die Bearbeitung des flämischen Schriftstellers Felix Timmermans (1886-1947), der in Belgien beinahe als eine Art Nationaldichter gilt – allerdings als einer, dessen Gedenken durch die Kollaboration mit den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ziemlich beschädigt ist. Dennoch: Wer heute Timmermans liest – in Deutschland sind dies wohl nur wenige Eingeweihte – ist beeindruckt von der Schlichtheit seiner Prosa, die die Kargheit Flanderns und die tiefe Religiosität der Menschen dort ebenso treffend wie anrührend beschreibt. Little Baby Jesus of Flandr ist eine filmische Bearbeitung von Timmermans’ Version der Legende und war ursprünglich als Abschlussfilm für die Brüsseler Theaterakademie Erasmus gedacht. Gerade mal 9000 Euro hat die Realisierung des Films gekostet, bis die Filmförderer das spröde und eigentümlich faszinierende Werk entdeckten und in Cannes einreichten, wo Little Baby Jesus of Flandr in der Quinzaine des Réalisateurs zu sehen war.
Der Film erzählt von den drei Vagabunden Pietje Vogel, Suskjewiet und Schrobberbeeck, die um die Weihnachtszeit herum bettelnd durch die Lande ziehen, um sich Geld zu erschnorren. Um ihren Fordrungen den nötigen Nachdruck zu verleihen, haben sie sich als Heiligen Drei Könige verkleidet. Und tatsächlich sind sie erfolgreich – bis sie sich auf dem Weg zur nächsten Kneipe, wo das Geld versoffen werden soll, verirren und Zeugen der Geburt eines kleinen Kindleins werden. Überwältigt von der Parallelität der Ereignisse schenken sie dem Kind und seinen Eltern all ihr Hab und Gut und sind erfüllt von ihrer guten Tat – der eine mehr, der andere weniger. Als sie an den darauf folgenden Weihnachtsfesten alles genauso machen wollen wie in jenem denkwürdigen Jahr, laufen die Dinge aber ganz anders...

Trotz der vielen Landschaftstotalen und 360-Grad-Schwenks merkt man dem gerade mal 24 Jahre alten Regisseur Gust van den Berghe an, dass die Bühne sein eigentliches Zuhause ist – begonnen hat er seine künstlerische Laufbahn nämlich als Tänzer. Und so ist es nur folgerichtig, dass der Teufel (in Frauengestalt) immer wieder Pietje Vogel umtanzt, dass viele der Bewegungen in den Szenen eher dem tänzerischen als dem cineastischen Fundus zuzuordnen sind. Ähnliches gilt für die Innenaufnahmen, die in ihrer Kargheit und Stilisierung den Blick auf einen Bühnenraum verraten und die dem Stummfilm in seiner Nähe zum Theater wesentlich näher sind als dem modernen, manchmal bis ins Groteske dynamisierten Kino diametral entgegenstehen.

Beinahe alle Rollen in Gust Van Den Berghes Film werden von Menschen mit Down-Syndrom gespielt. Die Wirkung dieses inszenatorischen Kniffes ist verblüffend: Die spröde, manchmal beinahe naiv wirkende Schönheit des Ausgangstextes und der beinahe kindliche Glaube, der sich in ihm widerspiegelt, wird in dem nur 74 Minuten langen Film in einer Weise greifbar, die wohl kaum anders herzustellen gewesen wäre. Gut möglich, dass manche Zuschauer dies als geschmacklos empfinden und mit der spröden Inszenierungsweise van den Berghes nichts anfangen können, die im heutigen Kino in ihrer Zeitlosigkeit nahezu einzigartig sein dürfte und die an große Filmkünstler wie Pier Paolo Pasolini oder Einzelgänger wie Belà Tarr erinnert und immer wieder auf Gestaltungselemente des Theaters verweist.

Diese Theatralik ist aber nicht allein in der künstlerischen Herkunft des Regisseurs oder in einer gewissen Manieriertheit zu suchen, sie ist dem Stoff vielmehr eingeschrieben, denn Felix Timmermans’ Bearbeitung der Legende von den Heiligen Drei Königen kann auf eine lange (Klein)Bühnentradition zurückblicken. Deren Aufführung zur Weihnachtszeit in beinahe jedem flandrischen Dorf zählt zu den Gepflogenheiten der überwiegend streng katholischen Region. Allerdings, wie Gust Van Den Berghe berichtet, ist dies eine Tradition, die nach und nach in Vergessenheit gerät.

Ob sich daran durch Van Den Berghes Film etwas ändern wird, muss man bei aller Faszination für das sperrige Werk schon ein wenig in Frage stellen – was weniger etwas über die Qualität seines Films aussagt als über die Stellung des Kinos im Allgemeinen, dessen kulturstiftende und kulturbewahrende Funktion in unseren Tagen ebenso bedroht ist wie die Bedeutung von Timmernmans’ Weihnachtslegende. Gust Van Ben Berghes ebenso irritierende wie verblüffende filmische Umsetzung des Textes bildet allenfalls einen (gleichwohl gelungenen) Anfang, der vor allem in Belgien auf Interesse stoßen dürfte.

Little Baby Jesus of Flandr

Die Legende von den drei Weisen aus dem Morgenland, die dem Jesuskind huldigen, dürfte bekannt sein. Schon weniger bekannt ist die Bearbeitung des flämischen Schriftstellers Felix Timmermans (1886-1947), der in Belgien beinahe als eine Art Nationaldichter gilt – allerdings als einer, dessen Gedenken durch die Kollaboration mit den Deutschen während des Zweiten Weltkrieges ziemlich beschädigt ist.
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