Life Without Principle

Life Without Principle

Eine Filmkritik von Festivalkritik 2011 von Patrick Wellinski

Das Prinzip der Schuld

Oliver Stones Wall Street: Geld schläft nicht war der Versuch, die Wirtschaftskrise als Erzählung in die Welt des Kinos einzuführen. Es war auch ein Film, der zeigte, wie so etwas nicht funktioniert. Die enge Verzahnung der globalen Finanzmärkte und ihren unmittelbaren Einfluss auf die Klein- und Großanleger hatte er nicht im Blick. Viel klüger, sensibler und auch narrativ interessanter macht dies Johnnie To in seinem neuesten Film Life Without Principle. An drei miteinander verwobenen Schicksalen exerziert To die unerbittlichen Folgen von Gier, Schuld und Rücksichtlosigkeit.
Im Mittelpunkt stehen: eine Investmentbrookerin, die riskante Anlangen an wenig risikofreudige Kunden verkaufen muss; ein Inspektor, der privat mit seiner Freundin in ein neues Appartement zieht und ein Gauner, der mit Börsenspekulationen reich werden will. An einem Tag in Hongkong kommt es zu einem Verbrechen, an dem alle drei mehr oder weniger beteiligt sind.

Man könnte denken: Wieder ein Film, der behauptet, alles hänge mit allem zusammen. Wieder so eine multiperspektivische Narration á la Paul Haggis oder Alejandro González Iñárritu, die Menschen durch eine globale Welt wandeln lässt und die Zufälligkeit aller Ereignisse in Frage stellt. Zum Glück ist Johnnie To ein viel zu guter Regisseur, um sich auf die üblichen Elemente solcher Erzählungen einzulassen. Life Without Principle ist auf den ersten Blick ein Episodenfilm, der seine Episoden aber so geschickt erzählt, dass wir gar nicht mitbekommen, dass hier eine eng verstrickte und verzahnte Geschichte präsentiert wird.

Wir sehen, wie die Brokerin sichtlich widerwillig einer älteren Frau ein hochspekulatives Fonds-Paket andreht. To ist immer ganz nah bei ihr und schildert damit auch die ganze Perversität eines solchen Berufes, der Transparenz vorgibt, aber eigentlich nur den eigenen Gewinn im Auge hat. Dann folgt auch schon ein Ortswechsel und wir sehen wie der kleine Gauner ein Bankett für einen seiner vielen Auftraggeber gibt. Wie diese beiden Momente miteinander zeitlich in Verbindung stehen ist unklar. Eigentlich müsste man davon ausgehen, dass To seine Handlung hier einfach zeitgleich erzählt. Erst später wird einem schlagartig bewusst, wie die Chronologie dieses Films aufgebaut ist. Es ist die für To und das Hongkong-Kino so typische Raffinesse der Erzählökonomie, die hier wieder einmal ihre ganze Kraft entfaltet. Es ist schlicht und einfach faszinierend, wie allein auf der Tonspur Fährten gelegt werden, die ganz selbstverständlich als Ordnungsmomente der Geschichte dienen. Schön, dass jemand wie To weiß, dass im Kino die Frage nach dem „wie erzähle ich“ dem „was erzähle ich“ nicht untergeordnet werden sollte.

Wirkung und Ursache als Rhythmusgeber der Geschichte sind auch auf der Ebene des Plots ganz wichtig. Die ersten zwei Drittel des Films kreisen um das Verbrechen, in das alle Protagonisten mehr oder weniger involviert sind. Im letzten ist diese Tat nicht mehr die alleinige Antriebsfeder aller handelnden Figuren, sondern die Griechenlandkrise, die auf allen Monitoren läuft. Der Einbruch der Finanzmärkte mischt auf der Plotebene des Films die Karten nochmal neu. So schwingt sich Life Without Principle zu einem herrlich subtilen Thriller von Schuld, aber auch von Hilflosigkeit auf, der seine Figuren nie verrät.

Johnnie To sucht in den Wirren der großen Krisen der letzten Jahre verzweifelt nach jener Menschlichkeit, die in den Systemen der Finanzmärkte und Wirtschaftskreisläufe sonst mit aller Kraft bekämpft wird. Dass er sie in seinen Figuren findet, spricht von seiner optimistischen Einstellung und offenbart ihn als großen Humanisten.

(Festivalkritik 2011 von Patrick Wellinski)

Life Without Principle

Oliver Stones „Wall Street: Gekld schläft nicht“ war der Versuch, die Wirtschaftskrise als Erzählung in die Welt des Kinos einzuführen. Es war auch ein Film, der zeigte, wie so etwas nicht funktioniert. Die enge Verzahnung der globalen Finanzmärkte und ihren unmittelbaren Einfluss auf die Klein- und Großanleger hatte er nicht im Blick. Viel klüger, sensibler und auch narrativ interessanter macht dies Johnnie To in seinem neusten Film The life without principle.
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