Life, a Long Way Away

Life, a Long Way Away

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Das gelebte Leben, die vergangene Zeit und die Wehmut am Ende

Nebelschwaden wabern um schroffe graue Felsen. Graue Steinhäuser ducken sich unter dem schweren, feuchten Nebel. Eine gebückte alte Frau muss die blockhohen Stufen eines Hauseinganges förmlich hinunter klettern um auf die enge, steile Dorfstraße zu gelangen. Das abgelegene Dorf im Norden Portugals scheint aus der Zeit gefallen zu sein.Stimmen erheben sich aus dem Off, rezitieren ein Gedicht. Die Stimmen gehören den drei Protagonisten des Dokumentarfilms Life, a Long Way Away / La vie au loin des französischen Filmemachers Marc Weymuller.
Der Film ist ein melancholischer Abgesang auf das gelebte Leben, das nicht gelebte Leben und die vergangene Zeit. Drei Männer Ende fünfzig, Anfang sechzig blicken, nicht ohne Bedauern und Wehmut, auf ihr Leben zurück. Einer ist schon lange Priester, der zweite wurde spät zum Poeten, der dritte zum Trinker. Sie alle hatten Träume, sie alle haben ihr Leben gelebt. Der eine wusste schon früh, dass er Priester werden will und hat diesen Weg verfolgt, auch wenn er sich während der Jahre seines Priesterseminars mittels seiner Fähigkeit zu luziden Träumen gerne dort herausgeträumt hat. Der zweite ist wirklich in die weite Welt hinausgezogen, hat fast 30 Jahre in Brasilien gelebt, viel Zeit mit Frauen verbracht, aber die Frau fürs Leben nie gefunden. Jetzt ist er wieder zurück im Dorf, zieht durch die Cafés, der Alkohol ist sein Begleiter durch die einsamen, eintönigen Tage. Auch der dritte war in der Welt unterwegs, verbrachte viel Zeit in Afrika. Nun streift er bei gutem Wetter durch das karge Bergland um das Dorf. Die kalten Wintertage über sitzt er am Kaminfeuer und röstet Kastanien, oder schreibt Gedichte auf einer alten Schreibmaschine, die ihm ein Nachbar aus der Stadt mitgebracht hat – finanziert durch den Verkauf von Kastanien.

Auch der Grundton des Films ist poetisch. In langen, statischen Einstellungen versinkt das Dorf immer wieder im Nebel, die wenigen Bewohner gehen in gemächlichem, stetem Rhythmus ihrem Geschäft nach: Kühe auf die Weide treiben, Ziegen hüten, Brot backen. Dieses archaische, bäuerliche Leben gehorcht allein dem Rhythmus der Jahreszeiten und der Natur.

Der Film passt sich dieser Entschleunigung formal an. Da wird die Kameraeinstellung auf die Straßenkreuzung in der Montage (für die auch Marc Weymuller verantwortlich zeichnet) so lange gehalten, bis die ganze Ziegenherde aus dem Bild getrieben ist, dann kommen noch die Kühe gemächlich hinterher getrottet und danach bleibt sogar die Zeit, dem Wasser im Brunnen auf der nun leeren Wegkreuzung beim Kräuseln zuzusehen.

Der Film hat fast meditativen Charakter, die stimmungsvollen Landschaftsbilder und die Stimmen der Protagonisten entwickeln einen Sog, von einer spürbaren Schwermut durchweht. Auch wenn die 3 Protagonisten oft lange in Nahaufnahme im Bild sind, ihre Stimmen erklingen nur aus dem Off, das verstärkt den Eindruck, dass sie nicht für die Kamera, nicht extra für den Film sprechen, sondern ihr Resümee ihres Lebens für sich selbst ziehen, mit aller Reue, Wehmut und Resignation, die in ihren Erinnerungen mitschwingt.

Im Film organisch eingeflochten sind Photographien und Texte aus dem Buch Negrões, memoria branca von Gilles Cervera and Gérard Fourel, wobei gerade auch die ausdrucksstarken schwarz-weiß Fotos zur visuellen Kraft dieses ungewöhnlichen Dokumentarfilms beitragen. Nur schade, dass nicht auf Film-Material, sondern auf Beta Digital-Format gedreht wurde. Das wäre bei einem Film, der seine Poesie und Langsamkeit ansonsten so konsequent zelebriert, nur konsequent gewesen.

Life, a Long Way Away

Nebelschwaden wabern um schroffe graue Felsen. Graue Steinhäuser ducken sich unter dem schweren, feuchten Nebel. Eine gebückte alte Frau muss die blockhohen Stufen eines Hauseinganges förmlich hinunter klettern um auf die enge, steile Dorfstraße zu gelangen. Das abgelegene Dorf im Norden Portugals scheint aus der Zeit gefallen zu sein.Stimmen erheben sich aus dem Off, rezitieren ein Gedicht.
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Life, a Long Way Away von Marc Weymuller
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von 5 bei Bewertungen
Titel
Life, a Long Way Away
Das gelebte Leben, die vergangene Zeit und die Wehmut am Ende
Originaltitel
La vie au loin
FSK
keine Angabe

Cast und Crew

Drehbuch
Kamera
Schnitt

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
81 Min
DVD
Blu-Ray
VoD & Streaming
TV

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