Life Itself

Life Itself

Eine Filmkritik von Festivalkritik Cannes 2014 von Beatrice Behn

Mach's gut, Roger!

Über Life Itself als Dokumentarfilm an sich gibt es weder viel zu sagen, noch viel zu meckern. Im Grunde ist er ein sehr solides Portrait des amerikanischen Filmkritikers Roger Ebert, an dem man nichts aussetzen kann. Zwar erfindet Regisseur Steve James das Rad nicht neu aber er zeigt sein Subjekt sehr offen und intim. Aber wer sich mit Roger Ebert ein wenig auskennt, hatte auch nichts anderes erwartet. Wie so oft in dokumentarischen Portraits steht und fällt ein Film mit dem Subjekt.
Und hier wird es dann doch sehr persönlich, denn diesen Film über einen Mann, der Filmkritik so sehr liebt, dass er bis ins Endstadium seiner Krebserkrankung unter Schmerzmitteln und Qualen geschrieben hat, hier in Cannes zu sehen war mir sehr wichtig. So wichtig, dass ich mich selbst mit ordentlich Schmerzen ins Kino gequält habe. Welch Ironie, über die man eigentlich nicht lachen sollte. Ich sollte es besser wissen und tue es (eigentlich) auch, doch wenn ich eines in Ebert am besten nachvollziehen kann, dann ist es diese unbändige Liebe zum Film. Und die macht einen verrückt. Oder wie Pauline Kael sagen wird "I lost it at the movies".

Der Film beginnt mit einer Nahaufnahme auf Eberts Gesicht. Seine freundlichen Augen, die dunkle Brille, die weiß gewordenen Haare. Und dann sein Mund, die Oberlippe, seine Zähne im Oberkiefer, ein großer hängender Hautlappen als Unterkiefer. Der Kiefer selbst musste ihm ob des Krebses amputiert werden. Wenn man in den stets geöffneten Mund schaut, sieht man direkt auf Eberts Hals. Das ist derbe und erschreckend. Das sind aber auch einfach die wahren Bedingungen unter denen er seit 2008 gearbeitet hat. Still und bedacht darauf sich zu verstecken war Ebert nie. Er hatte ein großes Talent und dass schon in ganz jungen Jahren. Er konnte schreiben. Er konnte ausgezeichnet schreiben und schnell noch dazu. Für eine Filmkritik brauchte er im Durchschnitt nur eine halbe Stunde. Und er war nicht nur schnell, er war gut. Unzählige Kollegen hat er mit seiner "Schreibe" inspiriert. Diese Mischung aus enzyklopädischem Wissen, aus Alltagsgeschichten, einer Sprache, die jeder verstehen konnte, gepaart mit unglaublichem Humor und wenn er wollte ordentlich Biss. "Filme sind Empathie-Maschinen, sie erlauben Menschen sich in Situationen einzufühlen, die sie nicht kennen und so ein wenig mehr Verständnis und Menschenliebe zu erzeugen." Und so war auch seine Sicht auf die Filme. Sie war in erster Linie liebevoll.

Auf die Liebe konzentriert sich auch der Film. Nicht nur die zum Kino, sondern auch die zu sich selbst, seiner Frau Chaz und seinem langjährigen Partner Gene Siskel. Denn obwohl Ebert schnell durch sein Talent auffiel und eine steile Karriere, inklusive Pulitzer-Preis (der so gut wie nie an Filmkritiker vergeben wird), hinlegte, so hatte er doch lange Zeit nicht viel mit sich im Sinne und wurde Alkoholiker. Erst als er ganz am Boden war, ging er auf Entzug und zu den Anonymen Alkoholikern und dort traf er auf Chaz, die man nicht umsonst "The Powerhouse" nennt. Chaz hat ihn überlebt nachdem sie ihn jahrelang pflegte und zu ihm hielt, egal was kam. Sie hat jetzt seine Seite rogerebert.com übernommen, pflegt das Archiv mit Rezensionen der über 50 Jahre langen Karriere und führt sein Erbe fort. Sein Partner Gene Siskel, mit dem Ebert eine erfrischende und tiefe Hassliebe verband, und mit dem er jahrelang gemeinsam in der Fernsehsendung At The Movies ganz Amerika mit ihrer unendlichen Passion fürs Kino und fürs Streiten faszinierte und inspirierte, starb für Ebert sehr plötzlich an einem Hirntumor. Plötzlich weil er niemanden gesagt hatte, dass er krank war. Und genau hier erklärt sich die unglaubliche Offenheit Eberts im Umgang mit Krankheit und Film. Keine Lügen. Nur die Wahrheit. Nur das Leben selbst.

Eigentlich hatte Steve James vor Ebert ein Jahr lang bei seiner Arbeit zu begleiten. Im Kino, in seinem speziell angefertigten Stuhl und mit seiner Computerstimme, mit der er sprach. Doch unwissentlich filmte er die letzten Monate und Tage im Leben Roger Eberts, was den Film umso intimer macht und Ebert umso beeindruckender, denn die Freude und der Lebensmut dieses Mannes überragte selbst in den letzten Tagen noch den von so manchen kerngesunden, jungen Menschen.

Ich stammele. Weil es so viele unglaubliche Episoden aus diesem Leben zu erzählen gäbe. Und weil es überwältigend war im Kino hier in Cannes, dem Cannes, das Ebert über 40 Jahre jedes Jahr besuchte, diesen Film zu sehen. Zusammen mit seiner Ehefrau und vielen Menschen, vielen Filmkritikern, die von diesem Mann beeinflusst wurden. Es wurde viel geweint, am Ende weinte sogar Chaz, als die Standing Ovations nicht aufhören wollten. Wenn wir alle auch nur zehn Prozent des Einflusses haben, dass Ebert auf seine "Nachkommen" und Kollegen hatte, können wir uns glücklich schätzen.

Mach's gut, Roger.

(Festivalkritik Cannes 2014 von Beatrice Behn)

Life Itself

Über "Life Itself" als Dokumentarfilm an sich gibt es weder viel zu sagen, noch viel zu meckern. Im Grunde ist er ein sehr solides Portrait des amerikanischen Filmkritikers Roger Ebert, an dem man nichts aussetzen kann. Zwar erfindet Regisseur Steve James das Rad nicht neu aber er zeigt sein Subjekt sehr offen und intim.
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