Life 2.0

Life 2.0

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Wenn ein Leben nicht ausreicht

Manchmal reicht ein Leben einfach nicht aus – ganz gleich aus welchen Gründen. Dieses Gefühl, das mancher von uns kennen mag, steht auch im Mittelpunkt von Jason Spingarn-Koffs faszinierend dokumentarischem Life 2.0, in dem der Regisseur exemplarisch vier Menschen begleitet, die sich in der Online-Community „Second Life“ eine Parallelexistenz aufgebaut haben. Auch wenn man sonst vielleicht über solche kleinen Realitätsfluchten lächeln mag – Life 2.0 nimmt seine Akteure und das Thema verdammt ernst und schafft die Balance zwischen aufrichtiger Anteilnahme und erhellenden Momenten, ohne die Porträtierten vorzuführen.
Die seit dem Jahre 2003 bestehende Online-Community Second Life, die von Linden Lab betrieben wird, ist eines der Phänomene des Internet. In dieser 3D-Infrastruktur können die User (mittlerweile sind weltweit mehr als 15 Mio. Userkonten registriert worden) sich selbst eine rein virtuelle Welt aufbauen, in der sie sich selbst ein neues Leben designen können, in der sie all das sein können, was sie unter Umständen im Leben 1.0 nicht sind – schön, erfolgreich, glücklich, kreativ oder vielleicht einfach noch ein Kind. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt und genau das macht den Reiz von Second Life aus.

Doch parallele Leben – ganz gleich ob sie in der Realität oder in einer virtuellen Welt angesiedelt sind – erfordern Zeit und führen damit fast zwangsläufig zu Einschränkungen im realen Leben. Die Strategien, damit umzugehen, sind unterschiedlich. Während „Amie Goode“ und „Bluntly Berblinger“ schnell ihre virtuelle Affäre in eine reale umfunktionieren wollen, verbringt Asrie Falcone möglichst viel Zeit in der Welt von Second Life und baut sich dort höchst erfolgreich ein Modelabel auf, mit dem sie (auch in der realen Welt) Geld verdient. Als ein dreister Dieb ihr und anderen Einwohnern Ideen und Produkte klaut, kommt es zum ersten Rechtsstreit um virtuelle Güter in der Rechtsgeschichte der USA. Und zuletzt ist da noch ein Programmierer, der sich als Avatar ein 11-jähriges Mädchen mit dem Nick „Ayya Aabye“ ausgesucht hat, was bei seiner Verlobten für Unverständnis und Irritationen sorgt, zumal seine Abwesenheit in der realen und Anwesenheit in der virtuellen Welt mit der Zeit einen regelrechten Suchtcharakter annimmt. Was die Verlobte des Mannes nicht versteht und sich erst im Lauf des Films abzeichnet – hinter dem kindlichen Avatar verbirgt sich eine spielerisch-ernste Bewältigung eines Traumas, die eigentlich besser bei einem Psychologen aufgehoben wäre.

Im Wechsel zwischen realen Szenen und „Ausschnitten“ aus Second Life, wo sich der Filmemacher selbst ebenfalls angesiedelt und als „Jay Spire“ den Weg seiner Protagonisten verfolgt, lässt Jason Spingarn-Koff ab und an auch andere Experten zu Wort kommen wie etwa den CEO von Linden Lab Philip Rosedale oder eben jenen Anwalt, der die Klagen von Asrie Falcone und anderen SL-Usern gegen den dreisten Produktdieb vertritt.

Dabei enthält sich Spingarn-Koff jeglicher Wertung und spürt mit bemerkenswerter Umsicht den kleinen und großen Sorgen seiner Protagonisten nach, denen ein Leben nicht ausreicht. In einer Zeit, in der das Internet in all seinen Erscheinungsformen und Ausprägungen einen immer größeren Stellenwert erhält, war ein Film wie dieser längst überfällig. Man darf vermuten, dass er nur einen Anfang darstellt. Weitere Filme wie David Finchers neuer Film The Social Network und Hideo Nakatas Chatroom, der in Cannes zu sehen war, zeigen, dass die filmische Aufarbeitung des Web gerade erst begonnen hat. Es wird Zeit.

Life 2.0

Manchmal reicht ein Leben einfach nicht aus – ganz gleich aus welchen Gründen. Dieses Gefühl, das mancher von uns kennen mag, steht auch im Mittelpunkt von Jason Spingarn-Koffs faszinierend dokumentarischem „Life 2.0“, in dem der Regisseur exemplarisch vier Menschen begleitet, die sich in der Online-Community „Second Life“ eine Parallelexistenz aufgebaut haben.
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