Letztes Jahr in Marienbad

Letztes Jahr in Marienbad

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Die ambivalente Dekonstruktion der exklusiven Gesellschaft

Der Film beginnt mit prächtigen Schwarzweiß-Bildern, die den Zuschauer durch ein luxuriös ausgestattetes Schloss führen, das als Grand Hotel fungiert, hin zu einer eleganten Gesellschaft, die dort in stilisierter Manier einem kulturellen Event beiwohnt. Diese Szenerie wird gleichermaßen begleitet, überlagert und unterwandert von ernsthafter, eindringlicher Musik und der Stimme eines Sprechers, der die Örtlichkeiten in sich wiederholenden Phrasen kommentiert. Diese sehr dichte, atmosphärische Eröffnung von Letztes Jahr in Marienbad / L’année dernière à Marienbad des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahre 1961 gibt bereits durch ihre kunstvoll-ästhetische, eher sinnlich betörende als erklärende Einführung die streng konstruierte, artifizielle Ausrichtung dieses Films vor, der Dialogfetzen – die in eine innerhalb der Dramaturgie bedeutsame Konversation zwischen einem Mann und einer Frau eingebettet sind – wie bewegliche, variabel anmutende Situationskunstwerke mit den ausdruckskräftigen akustischen und vor allem visuellen Impressionen verwebt.
Die Aufführung ist vorüber, und der blasiert-erlauchte Kreis der kultivierten Schauspiel-Besucher ergeht sich anschließend in der stilvollen Lokalität in flüchtig gebildeten Smalltalk-Attitüden, die sich im Ansatz mit dem Stück beschäftigen, aber rasch in gesellschaftliche Plaudereien auf der persönlichen Ebene abgleiten. Auf einem Paar (Delphine Seyrig, Giorgio Albertazzi), das sich augenscheinlich erst gerade dort begegnete, liegt der Fokus der „Geschichte“, der sich zögerlich, umständlich und unterbrochen von den scheinbar banalen Ereignissen der illustren Runde, die mit exklusiven Kostümen von Coco Chanel ausgestattet wurde, herausbildet. Es ist der Mann, der auf eine frühere, bedeutsame Bekanntschaft der beiden in derselben oder ähnlicher Umgebung insistiert, aus der die Verabredung zu diesem Wiedersehen hervorgegangen sein soll, während die Frau mit geringem Interesse an diesem Gegenstand erklärt, das erste Mal an diesem Ort zu sein. Derweil zieht ein anderer Gast (Sacha Pitoëff) die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich, weil er ein simples Spiel einführt, in dem er anscheinend unschlagbar ist, und es kristallisiert sich allmählich heraus, dass dieser Mann wohl in einem engen Verhältnis zu der schönen, unnahbaren Frau steht, die von ihrem hartnäckigen Verehrer kontinuierlich mit einem schmeichelnden Garn aus wohlklingenden Imaginationen oder möglicherweise auch Erinnerungen eingewickelt wird.

Es ist ein schwer zugänglicher, ungefälliger Irrgarten der Sinneseindrücke, der mit Letztes Jahr in Marienbad vom brillanten Gespann aus Regisseur Alain Resnais und dem im Februar dieses Jahres verstorbenen Autoren und Filmemacher Alain Robbe-Grillet (L’Immortelle / Die Unsterbliche, 1963) – er verfasste das Drehbuch zum Film, das 1963 für einen Oscar nominiert war – in Szene gesetzt wurde. Was die beide französischen, avantgardistischen Intellektuellen verbunden hat, war vor allem die stetige Suche, Verortung und Repräsentation von innovativen Fromen und Strukturen, wie sie innerhalb der Literatur von der Bewegung des so genannten Nouveau Roman seit den 1950er Jahren favorisiert werden, die auch diesen distanzierten, kühlen Film in glamourösem Ambiente deutlich wahrnehmbar inspiriert hat. Hier gestatten sich die Bilder ein Verharren und Erstarren, das sie kurzzeitig aus der mitunter beliebig erscheinenden Dramaturgie heraushebt, und durch diese gemäldeartigen Konstellationen wird das scheinbar bedeutungsleere Image der übersättigten, glanzvollen Gesellschaft zu einer Pose dekonstruiert, die in ihrer künstlerisch arrangierten Ästhetik jedoch auch eine Verschiebung der Perspektive andeutet, die zu neuen, ungewöhnlichen Betrachtungen herausfordert.

Letztes Jahr in Marienbad erscheint erstmals in Deutschland auf DVD und wird durch die anspruchsvolle Dokumentation Im Labyrinth von Marienbad / Dans le labyrinthe de Marienbad des Filmkritikers Luc Lagier ergänzt, die sich den theoretischen Hintergründen sowie den Umständen der Entstehung des Films widmet und dabei gleichermaßen eine präzise Beobachtung eines wichtigen Ausschnitts der französischen Filmgeschichte darstellt. Trotz seiner konsequenten Distanz, die manchmal wie eine trotzige Verweigerung seinem Publikum gegenüber anmutet, übt Letztes Jahr in Marienbad mit seiner geheimnisvollen, beinahe mythischen Ausdruckskraft und der philosophischen Komponente der Erinnerung, der Imagination und des Vergessens eine fesselnde Faszination auf den Zuschauer aus, dem auch nach mehrmaliger Sichtung des Werkes noch neue Aspekte in den perturbierten Sinn kommen.

Letztes Jahr in Marienbad

Der Film beginnt mit prächtigen Schwarzweiß-Bildern, die den Zuschauer durch ein luxuriös ausgestattetes Schloss führen, das als Grand Hotel fungiert, hin zu einer eleganten Gesellschaft, die dort einem kulturellen Event beiwohnen.
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