Les filles du soleil (2018)

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Ein Kriegsfilm, von einer Frau gedreht und mit Frauen als Kriegerinnen ist an sich schon eine Neuerung und ein Phänomen. Doch Girls of the Sun erzählt nicht nur von einer außergewöhnlichen Peshmerga-Kampftruppe, er eignet sich auch hervorragend dafür, das Genre selbst kritisch zu betrachten.

Les filles du soleil (2018)

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Frauen, Leben, Freiheit

Eva Hussons "Girls of the Sun" sind Angehörige einer Peshmerga-Truppe, die aus Frauen besteht, die die Attacke von Daesh-Gruppen auf die Region Sindschar überlebt haben. Nun kämpfen sie gegen eben jene Daesh-Gruppen, die sie einst gefangen nahmen, vergewaltigten, ihre Angehörigen töteten, ihre Kinder verschleppten und sie als Sklavinnen verkauften. Basierend auf einer wahren Geschichte hat Eva Husson für ihren zweiten Langfilm ein durchaus spannendes und starkes Thema gewähl, bei dem man allerdings auch so einiges falsch machen kann.

Gleich zum Anfang sehen wir Mathilde (Emmanuelle Bercot), eine einäugige Frau mit zerzaustem Haar, aus ihrem Schlaf hochschnellen. Sie ist Kriegsreporterin und sowohl körperlich als auch psychisch gezeichnet von den Dingen, die sie erlebt hat. In Homs hat sie ein Auge verloren. Vor drei Monaten ist ihr Mann, ebenfalls Kriegsreporter, auf eine Mine getreten. Die Verluste, die diese Frau erlitten hat, sind groß. So groß, dass sie jetzt nicht aufhören kann, mit dem was sie tut, sonst wäre all das Leid umsonst gewesen. Sie ist wieder im Einsatz und lernt dort die Peshmerga-Kommandantin Bahar (Golshifteh Farahani) und ihre Truppe kennen. Es sind alles Frauen, die dieses Schicksal gemeinsam haben: ihr Leid hat eine Dimension erreicht, wo es nur zwei Wege gibt — aufgeben oder weitermachen. Also kämpfen die Frauen. Nachts mit ihren Alpträumen, tagsüber gegen die Daesh-Truppen, die noch immer den Ort besetzt halten, in dem Bahar einst selbst alles verlor. 

Hussons Film nimmt sich am Anfang viel Zeit, die Frauen in ihrem derzeitigen Leben zu betrachten. Mathilde dient ihr dabei vor allem als stille Beobachterin, eine Position, die sie Gott sei Dank bald aufgibt, denn es ist immer problematisch, Menschen, die von außen und noch dazu aus einer anderen Kultur heraus auf solche Momente schauen, als Instanz dieser Geschichten zu etablieren. Das zeigt sich hier auch in den Bildern, die bis dahin entstehen, denn auch der Film selbst hat dieses Problem, dessen sich Husson bewusst ist und mit ihm umzugehen versucht. Trotzdem ist die Einführung der Frauentruppe irritierend. Man sieht sie stets in Kampfmontur ihre Waffen pflegen und Wache halten, doch es scheint fast, als wäre es dem Film hier besonders wichtig, auch klarzustellen, dass es trotzdem feminine Seiten gibt.

Und so liefert Husson eine Sequenz, in der die Frauen kochen, ein Baby an eine Brust angelegt wird, sie Kinder in den Armen halten und einander die Haare flechten. Diese Irritation ist äußerst fruchtbar. So oft bekommt man in Kriegsfilmen mit Männern ähnliche Sequenzen, in denen es vor allem um Männlichkeit und ihre Zurschaustellung geht. Da werden Gewichte gehoben, es wird über Frauen und übers Töten geredet, gesoffen und sich verbrüdert. Genau dies spiegelt Husson hier so wunderbar irritierend. Trotzdem importiert sie damit ein großes Problem: Sowohl Kriegsfilme mit Männern als auch dieser Kriegsfilm mit Frauen arbeiten mit ganz klassischen, ja geradezu konservativen Ideen von Männlich- bzw. Weiblichkeit.

Ebenfalls hochproblematisch ist, dass das Widerstandslied, das die Protagonistinnen hier singen, eigens für den Film komponiert wurde. Nun muss man Girls of the Sun nicht dokumentarischen Standards unterwerfen, doch man muss sich die Frage stellen, wer hier wie in die Repräsentation eingreift — eine Frage, die man sich sehr oft und vor allem bei Kriegsfilmen stellen muss und sollte. Was Husson auch tut. Wenngleich es ihr an einigen Stellen nicht gelingt. Aber sie versucht, den Blick von außen vor allem im weiteren Verlauf entgegenzuwirken, indem sie die Beobachterposition von Mathilde auflöst und sie lieber zur Gesprächspartnerin von Bahar macht. Nachts, wenn die beiden ob ihrer Alpträume keinen Schlaf finden, erzählt Bahar ihr, wie sie zur Armee kam. Und diese Geschichte umfasst das ganze Grauen und Leid, die gesamte historische Entwicklung der Jesiden, angefangen mit dem Überfall der Daesh-Truppen auf die Sindschar-Region. Hier verlor sie ihren Mann, der sofort ermordet wurde. Ihr Sohn wurde verschleppt, sie und ihre Schwester wurden als Sklavinnen verkauft, die immer wieder vergewaltigt wurden.

Ihr Schicksal teilt sie mit tausenden anderer Frauen der Region, die zum Teil bis heute verschwunden oder noch in Gefangenschaft sind. Bahar selbst entkam und schloss sich den Kämpfern an, so wie einige andere Frauen. Hier liegt die Stärke des Films, denn Bahars Geschichte und ihr Umgang damit, Bahars Kampf gegen vermummte Männer, die mehr Angst vor ihr als allem anderen haben – wer von einer Frau getötet wird, kommt nicht in den Himmel, bekommt keine 40 Jungfrauen – all das sind Momente voller Resistenz und Resilienz, voller Hoffnung und Mut. Kurzum: diese Girls of the Sun sind nicht gebrochen, sie kämpfen für sich selbst, für ihre Kinder und Familien. Eine starke Geschichte mit starken Frauenfiguren, doch leider traut Husson ihrer eigenen Story nicht genug zu.

Die wichtigsten Momente sind voller Leid, aber auch voller Gegenwehr; es sind Erzählungen, die nahegehen und Mut geben, doch Husson erlaubt ihnen nicht, für sich selbst zu stehen. Stattdessen kleistert sie das Werk immer wieder mit Musik zu, die zusätzlich die Tragweite des Leidens unterstützen soll und leider nur das Gegenteil tut. Fast als müsste sie das Publikum überzeugen, dass dies wirklich alles passiert ist und grauenhaft ist, erklärt der Film sich und seine Geschichten und Protagonistinnen immer wieder. In Repetition. Ach, hätte man doch nur der Kraft vertraut – was für ein durchschlagender Film hätte Girls of the Sun hätte können! Doch so verliert er sich zusehends in pathetischen Gesten und Momenten und begeht hier eigentlich den klassischen Fehler, dem so viele andere Kriegsfilme auch zum Opfer fallen. 

Doch trotz aller Ambivalenzen und Probleme mit diesem Film, er ist sehenswert. Schon allein, um über das Genre Kriegsfilm einmal mit einer erweiterten Perspektive nachzudenken.

Les filles du soleil (2018)

Bahar ist Kommandantin der "Töchter der Sonne", eines Bataillons kurdischer Soldatinnen, die kurz davor sind, in jene Stadt einzurücken, in der Bahar vor einigen Monaten von IS-Kämpfern gefangengenommen worden war. Die französische Journalistin Mathilde begleitet die Einheit bei ihrem Vorstoß. Die Begegnung der beiden Frauen spült in Bahar wieder die Erinnerungen an die schreckliche Zeit hoch, die sie hinter sich gelassen zu haben glaubte.

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Meinungen
Molle · 12.11.2018

Sorry, aber die Frauen sind keine Peschmerga! Wobei: männliche Peschmerga waren im Film auch zu sehen.Das waren die Herren, die Tee tranken und die Luftangriffe abwarteten. Die Frauen waren ezidische Guerilla.

Kommentare

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