Les estivants (2018)

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Valerie Bruni Tedeschi spielt in ihrem neuestem Film wieder einmal eine Frau, die leicht hysterisch und mit den Nerven am Ende ist. Zwei gute Dinge hat er aber doch.

Les estivants (2018)

Eine Filmkritik von Maria Wiesner

Familienurlaub, wie man ihn nie machen will

Valerie Bruni Tedeschi beginnt ihren Film Les Estivants mit einer Meta-Szene. Da sitzt die Regisseurin Anna (Valerie Bruni Tedeschi in einer typisch überdrehten Valerie-Bruni-Tedeschi-Rolle) vor der französischen Filmförderung und muss sich fragen lassen, ob denn das Drehbuch, das sie hier vorlege, nicht eigentlich das gleich sei, wie ihre letzten drei Filme. Diese Szene ist als Warnung an das Publikum zu sehen, denn Tedeschi macht hier tatsächlich das, was sie in letzter Zeit immer macht: Sie spielt eine reiche Frau, die zwischen Hysterie und Neurose schwankt, die immer ein bisschen durch den Wind ist, mit den Gedanken woanders, bei ihren Problemen oder dem, was sie dafür hält. 

So ist das auch bei diesem Meeting mit der Filmförderung, Anna bricht irgendwann unvermittelt in Tränen aus. Sie hat dafür sogar einen Grund, denn zehn Minuten zuvor hat ihr Freund ihr gestanden, dass er eine Neue hat und nicht mit zu ihrer Familie an die Cote d’Azur fahren wird. Anna reagierte darauf, wie sollte es anders sein, mit hysterischem Unglauben und überredete den Mann, sich das doch noch einmal zu überlegen. Am Ende nahm sie ihm das Versprechen ab, nach Südfrankreich nachzukommen. Was natürlich eine grandiose Ausrede ist, um dann die ganze Zeit verzweifelte Nachrichten auf seiner Mailbox zu hinterlassen und auch sonst weiterhin sehr durch den Wind zu sein.

Eigentlich hätte sie während des Sommerurlaubs nämlich an dem Drehbuch zu arbeiten. Dafür hat sie Nathalie (Noémie Lvovsky, die tatsächlich auch am Drehbuch mitgeschrieben hat) in die Villa ihrer Schwester eingeladen. Doch die verbringt die ganze Zeit mit Warten, denn Anna ist eben immer mit den Gedanken gerade woanders. Bei ihrem Eintreffen fragt Nathalie Anna, ob sie den Unterschied zwischen einer Komödie und einer Tragödie kenne. Anna: „Also, nein, der fällt mir ehrlich gesagt, gerade nicht ein.“ So will auch der Film sein, schwankend zwischen Tragik und Komik, dafür in klassische drei Akte plus Epilog unterteilt.

Die Geschichte hat durchaus Potential, sowohl für Tragödie als auch für Komödie. Da ist die reiche Familie, deren glatte Fassade man nur zu gern einstürzen sieht. Da sind die Bediensteten, die auf dem Grundstück wohnen, aber nicht vernünftig bezahlt werden, die an der sozialen Ungerechtigkeit verzweifeln und an der hohen Bildung, die jene im Haupthaus haben, aber nicht produktiv verwenden. Da ist der Geist des toten Bruders, der plötzlich auftaucht und auch noch eine Meinung zu allem hat, was nach seinem Tod geschehen darf. Dieses Potential hebt Tedeschi dann aber nicht. Das Hin- und Herschwanken wirkt unentschlossen und fahrig wie die Hauptfigur.

Gut ist der Film an genau zwei Stellen. Wenn die ganze illustre Tischgesellschaft bestehend aus Mutter, Schwester, Angetrauten und Freunden der Familie plötzlich auf Vergewaltigungen zu sprechen kommt. Anna erzählt, wie ein Bootsmann ihr als Kind seinen Finger eingeführt habe. Die Mutter wirft Anna vor, mit dieser Geschichte seit Jahren die Tischgespräche zu stören, das sei doch noch lange keine Vergewaltigung gewesen, so etwas erlebe man als Frau eben, Anna solle sich nicht so haben, ihr, der Mutter, habe es ja auch nicht geschadet, dass sie ihrem Klavierlehrer damals einen runterholen musste. Diese Szene hat die Möglichkeit in Richtung Thomas Vinterbergs Das Fest abzuheben, doch gerade als es beklemmend wird, dreht Tedeschi das Level wieder hinunter, löst das Tragische mit Komischem auf und verschenkt so, dass man sich auf eines dieser beiden Konzepte einlässt. Stattdessen kratzt sie nur an der polierten Oberfläche, so wie ein zu rauer Lappen auf einer Nussbaumtischplatte Schlieren hinterlässt. 

Das zweite Gute an diesem Film ist Oumy Bruni Garrel, die Annas senegalesische Adoptivtochter Celia spielt. Das Mädchen ist die einzige Figur, die hier klarkommt und ihren Menschenverstand gebraucht. Die sowohl an der Tafel der feinen Herrschaft als auch am Tisch der Bediensteten sitzt. Die alles mitbekommt und versteht, bevor es noch die Erwachsenen wissen. Die sich von der Hysterie ihrer Mutter nicht anstecken lässt, sondern in dem ganzen Irrsinn so gut wie möglich das versucht zu sein, was sie ist: ein Kind, um das sich nur ein Onkel wirklich kümmert. Und der bringt ihr gleich zu Beginn den wichtigsten Grundsatz dieser Familie bei: „Niemand sieht hier irgendwen.“ Nur dieses Mädchen sieht eben alles, ihre Figur ist Tedeschi tatsächlich gut gelungen. 

Les estivants (2018)

Ein großes Anwesen an der französischen Riviera. Ein Ort, der wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint und der Schutz vor der Welt verspricht. Anna reist mit ihrer Tochter hierhin für einige Tage. Inmitten ihrer Verwandtschaft und der Angestellten versucht sie hier ihre Trennung zu verarbeiten und an ihrem neuen Filmdrehbuch zu schreiben.

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