Les Affamés - Die Ausgehungerten (2017)

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Im Meer der einfallslosen Zombiestreifen schwimmt Robin Auberts „Les Affamés“ oben auf. Seine eigenwillige Variation aus Autoren- und Genrekino erhielt den Genie Award als bester kanadischer Film. Doch was macht ihn so anders?

Les Affamés - Die Ausgehungerten (2017)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Auf der Suche nach einem Witz fürs Ende der Welt

Auf eine lebensbedrohliche Notlage reagiert jeder anders. Der alte Réal (Luc Proulx) rennt weg, weil er sich seiner Familie nicht stellen will. Der junge Ti-Cul (Édouard Tremblay-Grenier) hat seine längst begraben, das Jagdgewehr geschultert und die Pferde vom Hof gejagt. Geschäftsfrau Céline (Brigitte Poupart) streift in ihrer Luxuskarosse übers Land und lockt die Menschenfresser mit Musik an, bevor sie mit dem Küchenbeil zuschlägt.

Auf der Suche nach Benzin landet sie bei Pauline (Micheline Lanctôt) und Thérèse (Marie-Ginette Guay), die auf ihrer Veranda, die Flinten im Anschlag, auf die Rückkehr ihres Sohns Bonin (Marc-André Grondin) warten. Der verbrennt gemeinsam mit Kumpel Vézina (Didier Lucien) die Toten im Wald. Während die Leichen noch kokeln, erzählen sich die beiden schlechte Witze. In Robin Auberts fünftem Spielfilm weiß keiner so recht, wohin mit seinen Gefühlen.

Die Untoten sind nicht totzukriegen, mögen sie ihr Verfallsdatum auch längst überschritten haben. Seit ihrer Wiederauferstehung um die Jahrtausendwende schlurften sie bereits als Parodie, Liebesfilm, Mockumentary oder Drama über die Leinwand. Bei Danny Boyle (28 Days Later) lernten sie zu sprinten, in Marc Forsters World War Zsich wie ein Tsunami über ihre Opfer zu ergießen. Kleine Neuerungen eines Subgenres, das nur noch nach Schema F funktioniert. Wahre Innovation sucht man besser woanders, bei der Konkurrenz von Literatur, Comic, Computerspiel und Fernsehen. Ist sie wie jüngst mit The Girl with All the Gifts wieder einmal im Kino zu finden, geht sie in der schieren Masse oftmals unter. Robin Aubert ist nun zumindest eine charmante Mischung aus Autoren- und Genrefilm geglückt. Zwar ist auch das nicht neu, aber erfrischend eigen. Die Zombies des Frankokanadiers sind nicht nur pfeilschnell, sondern tragen Pastell. Aufgrund der Aktualität der Ereignisse ist ihre Kleidung schlicht noch nicht so zerschlissen wie üblich. Wenn sie nicht auf Menschenjagd sind, errichten sie Türme aus Gebrauchsgegenständen, oder sind es Altäre? Nicht für alles liefert Aubert eine Erklärung.

Wie für die Gattung üblich geht es in Les Affamés um Bewegung. Die äußere spiegelt die innere, wer stehen bleibt, hat keine Zukunft. Als Erster muss Vézina dran glauben, weil er die Vergangenheit nicht loslassen kann. Und weil Robin Aubert nicht irgendeinen 08/15-Schocker gedreht hat, philosophiert der Sterbende mit Bonin, den Blick gen Himmel, über das Leben, die Frauen, Walt Disney und James Bond. Zwei Knallchargen am Ende aller Tage. Mit Demers (Martin Héroux) kommt bald eine weitere hinzu. Der Soldat auf Heimaturlaub stolpert völlig unbedarft ins Geschehen, dient dem Regisseur als lebender Running Gag. In einem an jump scareserfreulich armen Film springt Demers gleich mehrfach wie der Teufel aus der Kiste, um Bonin & Co. zu erschrecken. Ein herrlich absurder comic relief, aber beileibe nicht die hellste Idee in einer Welt, in der jeder Finger locker am Abzug sitzt.

Bonin hat da längst neue Mitstreiter gefunden, Tania (Monia Chokri) von ihren Fesseln befreit und sich gemeinsam mit ihr des Mädchens Zoé (Charlotte St-Martin) angenommen. Gemeinsam bilden sie eine kleine, aus der Not geborene Ersatzfamilie wie einst Ripley, Hicks und Newt in James Camerons Aliens (1986). Ganz anders als bei seinem Landsmann sorgt diese Konstellation bei Aubert für jede Menge Lacher. Denn der feige Bonin flüchtet sich weiterhin in grässliche Pointen, anstatt der Wahrheit ins Auge zu blicken, was Tania zur Weißglut und Monia Chokri zu Höchstleistungen treibt. Als mal schüchterne, dann wieder erstaunlich altkluge Zoé stiehlt ihr nur die wunderbare Charlotte St-Martin die Schau.

Auch in Les Affamés ist der Weg das Ziel und die Reise letztlich eine zu sich selbst. Geschickt führt das Drehbuch aller Wege zusammen. Danach mäandert der Film und mit ihm das Publikum. Zwischen Québecs Wäldern und Wiesen geben die Protagonisten ganz allmählich ihr Innerstes preis. Denn gesprochen wird wenig, gestorben und geblutet hingegen viel. Steeve Desrosiers' Kamera fängt das manchmal beinahe dokumentarisch ein, verschiebt die Gewalt aber gern in den Hintergrund oder tritt erst hinzu, wenn alles vorüber ist. Gegen Ende nimmt Aubert manche Abzweigung zu viel, kommt nicht recht von der Stelle und dreht sich wie seine Figuren im Kreis. Da scheint es nur konsequent, dass ein Rennfahrer den Ausweg aufzeigt. Bonins letzter Witz ist da längst verklungen. Es war der erste gelungene.
 

Les Affamés - Die Ausgehungerten (2017)

Eine seltsame Krankheit breitet sich in einem abgelegenen Dorf in Quebec aus. Und die macht aus braven Landbewohnern Untote mit ungeheurem Appetit auf Menschenfleisch.

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