Le Parc

Le Parc

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf Abwegen in städtischem Gehölz

Es gehört immer wieder zu den schönsten Erfahrungen, die man im Kino machen kann, dass der Verzicht (und sei es nur ein zwangsläufiger und kein freiwilliger) auf große Budgets nicht einschränkend sein kann, sondern im Gegenteil befreiend und anregend. Und das ist genau das Gefühl, das sich dem Zuschauer bei Damien Manivels Le Parc aufdrängt, der dem alten - vielleicht sogar ältesten - Plot der Welt Boy meets Girl neues Leben und eine Frische, Freiheit und Radikalität einhaucht, die eindeutig belebend und inspirierend wirkt.

Es ist ein Sommertag, als sie sich treffen in einem Park irgendwo in einer französischen Stadt: Ein junger Mann und eine junge Frau, beide gehen offensichtlich noch zur Schule und scheinen sich gerade erst kennengelernt zu haben. Stockend kommt das Gespräch in Gang, er versucht, noch ungeübt in den Formen der verbalen Annäherung, den Dialog voranzutreiben, sie, schüchtern und zurückhaltend, steigt nicht so recht auf das Spiel ein, das er beginnen will. Doch es ist keine Ablehnung oder Desinteresse ihrerseits, sondern eher eine fast noch kindliche Unbedarftheit, die die Tändelei immer wieder ins Stocken bringt. Dann setzen sie sich in Bewegung, beginnen die Wege und Seitenwege des Parks zu durchmessen, halten immer wieder, lassen sich nieder, beobachten all die Szenerien, die sich in diesem Park ereignen, fast so, als seien sie sich gar nicht gewahr, dass auch sie eine dieser Szenerien bilden - für die anderen Besucher des Parks ebenso wie für uns, die Zuschauer, die wir diesem Spiel zusehen dürfen. Schließlich kommt es doch zu einer auch körperlichen Annäherung, die ebenso scheu und unschuldig ist wie all die kleinen Gespräche und Dialoge zuvor. Und dann trennt man sich, weil der Abend hereinbricht und der junge Mann, dessen Namen wir niemals erfahren, nach Hause gehen muss, während das Mädchen noch zurückbleibt und nachdenklich auf einem Hügel sitzend verharrt. Schließlich folgt ein SMS-Dialog, in dem der junge Mann reumütig bekennt, dass aus der sich gerade anbahnenden Liebesgeschichte doch nichts wird, weil da halt seine Ex-Freundin ist, zu der er sich immer noch hingezogen fühlt. Damit könnte diese kleine Geschichte eigentlich zu Ende sein, doch zum Glück ist sie das nicht, sondern beginnt sich nun in etwas vollkommen Anderes und Neues zu verwandeln ...

Ein sommerlicher Park, einige Passanten, ein Junge, ein Mädchen und ein Parkwächter - mehr braucht Damien Manivel nicht, um einen ganz wundervollen, zärtlichen und überraschenden Film auf die Leinwand zu zaubern. Dabei erstaunen nicht nur die Selbstverständlichkeit und die auf den ersten Blick gänzlich unspektakuläre Natürlichkeit, mit denen Manivel seine Laiendarsteller agieren lässt, sondern auch, wie sehr hier die Geschichte und die Art und Weise, in der der Regisseur sie inszeniert, Hand in Hand gehen. Wie die beiden Jugendlichen unternimmt auch der Film selbst einen Spaziergang, erkundet vorbestimmte Pfade, nimmt einen Seitenweg, um sich dann anschließend in die Büsche am Wegesrand zu schlagen und schließlich in einem nächtlichen kleinen Wald zu landen, der so magisch ist, als handele es sich dabei um den Dschungel in den Filmen eines Apichatpong Weerasethakul und nicht um ein gehegtes und gepflegtes, von städtischen Angestellten zivilisiertes Gehölz in einem öffentlichen Park.

Bemerkenswert sind zudem die Freiheiten, die Damien Manivel sich dabei nimmt, den zuvor bewusst verknappten Raum des Filmes systematisch zu erweitern: Sowohl auf der Bild- wie auch auf der überaus prägnant herausgearbeiteten Tonebene verweist Le Parc immer wieder auf den Raum jenseits des Gezeigten, auf die Töne aus dem Off, auf die Geschichten jenseits der (eigentlichen) Geschichte, auf die Magie und Irrationalität, auf die andere Dimension, die neben dem Sicht- und Hörbaren lauern. "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne", heißt es in Hermann Hesses berühmten Gedicht Stufen - eine Beschreibung, die auf Damien Manivels Film vielleicht nur deshalb nicht hundertprozentig passt, weil wir uns als Zuschauer nicht sicher sein können, ob Le Parc nun einen Anfang beschreibt oder ein Ende oder vielleicht doch etwas ganz Anderes. Eines freilich erscheint gewiss: Manivels Anfänge als Regisseur (dieser Film ist sein erst zweiter Langfilm nach dem bereits hochgelobten Un jeune poète) sind durch und durch zauberhaft und lassen noch einiges erwarten von diesem überaus begabten Regisseur.
 

Le Parc

Es gehört immer wieder zu den schönsten Erfahrungen, die man im Kino machen kann, dass der Verzicht (und sei es nur ein zwangsläufiger und kein freiwilliger) auf große Budgets nicht einschränkend sein kann, sondern im Gegenteil befreiend und anregend. Und das ist genau das Gefühl, das sich dem Zuschauer bei Damien Manivels "Le Parc" aufdrängt, der dem alten - vielleicht sogar ältesten - Plot der Welt "Boy meets Girl" neues Leben und eine Frische, Freiheit und Radikalität einhaucht, die eindeutig belebend und inspirierend wirkt.

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