Le Mans 66: Gegen jede Chance (2019)

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Zwei Dickschädel, ein legendäres Rennen und ein Autobauer, der im Grunde keine Chance hat – das sind die Einzelteile, aus denen James Mangold seinen neuesten Film zusammenschraubt. Eine benzingetränkte Männerfreundschaft mit einigen Überraschungen.

Le Mans 66: Gegen jede Chance (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Schwereloser Nonkonformismus

James Mangold ist immer dann am besten, wenn er von gebrochenen und unangepassten Charakteren erzählt, von Feindschaften und Freundschaften. Meist sind es Männerbünde. Vor allem aber ist der Drehbuchautor und Regisseur immer dann für eine Überraschung gut, wenn er wie seine Figuren abgeschrieben scheint. Auf die uninspirierte Actionkomödie „Knight and Day“ (2010) und die grausige Comicverfilmung „Wolverine: Weg des Kriegers“ (2013) folgte mit „Logan“ (2017) ein unerwartet tiefgründiger Abgesang auf den Vielfraß der X-Men-Truppe. Um Comebacks und Abschiede geht es auch in Mangolds jüngstem Film.

Nach Carroll Shelby (Matt Damon) kräht kein Hahn mehr. Seit der Rennfahrer seine Karriere wegen eines angeborenen Herzfehlers beenden musste, verdient er sein Geld als Autobauer. Der Sprit pumpt immer noch durch seine Venen. An den Wochenenden zieht es ihn auf die Nebenstrecken der Motorsportperipherie. Als Teamchef eines kleinen Rennstalls arbeitet er sich an seinem Fahrer, Mechaniker und besten Kumpel Ken Miles (Christian Bale) ab. In der Hitze des Gefechts fliegen Schraubenschlüssel durch die Luft. Ist Miles erst richtig in Wallung, hämmert er schon mal einen Kofferraum passgerecht, um dem Rennreglement zu entsprechen.

Shelby und Miles sind Dickschädel: der eine ein Hitz-, der andere ein kühler Kopf. Was die beiden verbindet, ist ihr Pragmatismus. Als Kfz-Mechaniker mit eigener Werkstatt kennt Miles alle Tricks und Kniffe, einen Wagen auch mit null Budget konkurrenzfähig zu machen. Er schwitzt Motoröl und pinkelt Benzin. Ein wahrer Autoflüsterer. Mit seiner Frau Mollie (Caitriona Balfe) und seinem Sohn Peter (Noah Jupe) lebt er schon lange von der Hand in den Mund. Shelby wiederum bringt die soziale Kompetenz mit, die Miles vollkommen abgeht. Wo der eine stets sagt, was er denkt und sein Gegenüber zum Amüsement des Kinopublikums reihenweise vor den Kopf stößt – von Christian Bale mit umwerfender Schnodderigkeit gespielt – wägt der andere jedes Wort ab und lullt seine Gesprächspartner mit dem unnachahmlichen Matt-Damon-Charme ein. Zwei moderne Cowboys mit Boliden statt Pferden.

Le Mans 66: Gegen jede Chance erzählt die wahre Geschichte dieser beiden Männer, denen die zweite Reihe nie genug war. Der Originaltitel „Ford v Ferrari“ trifft den Kern des Films indes besser. Denn Mangold und seine Drehbuchautoren Jason Keller und Jez und John-Henry Butterworth erzählen stets gewitzt, clever und ungemein rund auch eine Geschichte von einem Klassenkampf: von der Neuen Welt gegen das alte Europa, von amerikanischer Fließbandproduktion gegen italienische Handarbeit, von einem Autohersteller fürs einfache Volk, dessen Produkte keiner mehr haben will, und von einem Produzenten unerschwinglicher Luxuskarossen, von denen jeder Teenager träumt. Beiden gemein ist ein Patriarch an der Spitze – Henry Ford II (Tracy Letts) hier, Enzo Ferrari (Remo Girone) dort. Ihr Kampf nimmt mit Lee Iacocca (Jon Bernthal) seinen Anfang.

Der ist PR-Chef und hat sich folgende Image-Kampagne ausgedacht: Um die von Henry Ford II mit markigen Worten geforderte Steigerung der Verkaufszahlen zu erzielen, soll der Autobauer aus Detroit ganz groß in den Rennsport einsteigen und nicht nur in den USA, sondern auch in Europa um Siege mitfahren. Beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans gilt es, Ferrari zu schlagen. Angesichts der Dominanz der Italiener eine unmögliche Aufgabe, für die Shelby, der das Rennen 1959 gewann, genau der Richtige scheint. Mit seiner rechten Hand Phil Remington (fabelhaft: Ray McKinnon) und Miles als Testfahrer im Gepäck nimmt Shelby die Herausforderung an. Der Ford-Motorsportchef Leo Beebe (Josh Lucas) ist von Miles‘ Temperament und Nonkonformismus allerdings wenig angetan. Beatniks hätten bei Ford nichts zu suchen. Hier trifft Schlipsträger-Denke auf zwei Freigeister. Bis zum finalen Rennen legt Beebe Shelby und Miles jede Menge Hindernisse in den Weg.

James Magold ist ein wunderbarer, technisch einwandfreier und unheimlich witziger Film über Freundschaft, Familie, Wettkampf und Motorsport geglückt. Wenn Shelby oder Miles in ihren Boliden sitzen und in Phedon Papamichaels warm ausgeleuchteten Einstellungen mit irrsinnigem Tempo durch die Kurven rasen, wenn der Motor durch die Dolby-Atmos-Lautsprecher dröhnt und Gitarre, Bass und Percussion die entscheidenden Meter voranpeitschen, dann fühlen sich auch die Zusehenden wie Rennfahrer*innen. Vor allen aber ist Le Mans 66: Gegen jede Chance eine Feier des Unangepassten im Angepassten. Ein Film über Menschen, die ihren eigenen Kopf, eigene Ideen haben und sich nicht davor scheuen, damit gegen Mauern zu rennen. Menschen, die nicht gegen ein System kämpfen, sondern es von innen heraus verändern.

Mangold versetzt sein Publikum in eine längst vergangene Zeit, in der Männer ihre Autos noch als „Mädchen“ bezeichneten und ihnen während der Fahrt gut zuredeten. Doch sein Blick zurück ist nie wehmütig, zwar nostalgisch gefärbt, aber eben auch ironisch. In einer urkomischen Szene eines an cleveren Szenen und pointierten Dialogen reichen Films geraten Shelby und Miles mit den Fäusten aneinander – und schnell wird klar, dass diese beiden zwar Maulhelden, aber keine Raufbolde sind. Zwei Alphamänner, gewiss, aber welche mit Hirn, Herz und Humor im Angesicht der Niederlage. Deren Gebaren nimmt der Film zudem nie allzu ernst und macht sie so beinahe zu Alphamännlein.

Shelbys und Miles innerer Motor ist keine Überheblichkeit, kein Überlegenheitsgefühl, sondern die Liebe zu ihrer Profession. Die Leistungen der italienischen Konkurrenz erkennen sie staunend an, bewundern sie sogar. In einer tollen Montagesequenz werden die Abgesandten des Ford-Konzerns vom alten Enzo aufs Kreuz gelegt. Shelby zahlt es ihm in Le Mans heim. Ohne kleine fiese Tricks ist der Sieg nicht zu haben. Um so weit zu kommen, musste er zwar manche bürokratische und demokratische Struktur innerhalb Fords aushebeln, aber dennoch sein eigenes Ego zurückschrauben. „Es gibt einen Punkt, bei 7000 Umdrehungen, wo alles verblasst“, sagt Shelby am Anfang und am Ende des Films. An diesem Punkt werde alles schwerelos und der Fahrer stelle sich eine einzige Frage, die, wer er sei. Die Drauf- und vermeintlichen Einzelgänger Carrolls Shelby und Ken Miles sind letztlich Teamplayer.

Le Mans 66: Gegen jede Chance (2019)

Basierend auf der wahren Geschichte des legendären amerikanischen Autodesigners Carroll Shelby und des furchtlosen, aus Großbritannien stammenden Rennfahrers Ken Miles erzählt der Film von deren Zusammenarbeit und dem gemeinsamen Kampf gegen den Renngiganten Ferrari beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahre 1966.

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