La Califfa

La Califfa

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Politik, Emotionen und Erotik

Wenn ein Mann und eine Frau, die aus völlig unterschiedlichen sozialen Welten stammen und auf politischer Ebene verfeindeten Lagern angehören, in eine Liebesbeziehung miteinander geraten, kann dies zu drastischen Folgen führen. Der Film La Califfa des italienischen Regisseurs Alberto Bevilacqua von 1970 mit einer überaus ansprechend aufspielenden Romy Schneider – die am 23. September dieses Jahres 70 Jahre alt geworden wäre – in der Hauptrolle der charismatischen Arbeiter-Heldin Califfa und einer bewegenden Filmmusik des großen Meisters Ennio Morricone erzählt diese Geschichte der gewaltigen Wandlung eines Mannes unter dem Einfluss einer mutigen Frau und deren heftige Konsequenzen für eine Industriestadt in Norditalien.
Die junge, ebenso bezaubernde wie energische Fabrikarbeiterin Irene (Romy Schneider), genannt Califfa, deren Mann vor einiger Zeit durch einen Streik getötet wurde, ist in der von Männern dominierten Welt einer von Streik und politischen Unruhen geprägten Stadt zur einsamen und unbeugsamen Mittelpunktfigur des Widerstands gegen die herrschende Willkür der mächtigen Unternehmer avanciert. Diese werden vor allem durch den einflussreichen Industriellen Annibale Doberdò (Ugo Tognazzi) repräsentiert und angeführt, der als direkter Gegenspieler von Califfa mit unnachgiebiger Härte die Interessen der Privilegierten durchsetzt, während er sich seinen aufständigen Arbeitern gegenüber als gönnerhafter Patriarch präsentiert. Von der klugen Unerschütterlichkeit Califfas zunehmend beeindruckt lässt sich Doberdò immer mehr auf die Provokationen der schönen Arbeiterin ein, bis die unterschwellige sexuelle Anziehung der beiden sie in eine sehr ambivalente Affäre stürzt, während welcher der Unternehmer in den Grundfesten seiner Lebenskonfigurationen erschüttert wird und folgenschwere Entscheidungen fällt …

Es sind vor allem die ausdrucksstarken, häufig durch einen geradezu archaisch anmutenden Symbolismus geprägten Bilder, die die Faszination dieses Films ausmachen, der 1971 bei den Filmfestspielen in Cannes für die Goldene Palme nominiert war, mit dem Premi David di Donatello für Ugo Tognazzi als Besten Schauspieler und zweifach mit dem italienischen Journalistenpreis prämiert wurde, für Alberto Bevilacqua, der mit La Califfa als Filmemacher debütierte, als Besten Newcomer-Regisseur und für Marina Berti als Beste Nebendarstellerin. Da verstellt eine zarte Frau der Luxuskarosse des verhassten Industriellen herausfordernd und in offensiver Duell-Position den Weg, während die Masse der aufgebrachten Arbeiter sich mit der Polizei herumschlägt. Da sitzt der mächtige Unternehmer am Abend in seinem Sessel am Fenster seiner Villa und betrachtet einen von seinen inhumanen Entscheidungen zutiefst enttäuschten, abgestürzten Geschäftsmann, der aufrecht und unbeweglich die Regennacht in seinem Garten verbringt, um seinem ohnmächtigen Protest Ausdruck zu verleihen. Da sitzen die radikale Arbeiter-Heldin und der kurzfristig entmachtete Gutmensch in einem weißen, engen Raum auf der Erde, mit umgekehrten Machtpositionen – diese spannungsgeladenen Sequenzen von Nähe und Distanz , kontrastiert von der feinfühlig-sentimentalen Musik, bestimmen die dichte Atmosphäre von La Califfa, der trotz seiner am Rande der Überzeichnung balancierenden Pathetik durch seine ungewöhnliche Geschichte mit extremen human-politischen Verstrickungen, seiner intensiven und künstlerischen Bildsprache sowie seiner ansprechenden Erotik absolut überzeugt.

La Califfa

Wenn ein Mann und eine Frau, die aus völlig unterschiedlichen sozialen Welten stammen und auf politischer Ebene verfeindeten Lagern angehören, in eine Liebesbeziehung miteinander geraten, kann dies zu drastischen Folgen führen.
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