Krass

Krass

Eine Filmkritik von Gesine Grassel

Eine schreckliche neurotische Familie

Richtig verstehen wird man das Leben von Augusten Burroughs auch nach der Verfilmung seiner autobiografischen Roman-Vorlage nicht: Der US-Amerikaner zeichnet mit seinen Erinnerungen Running with Scissors, was auf Deutsch so viel wie „mit Scheren rennen“ bedeutet, ein Bild der eigenen verstörenden und schockierenden Jugend. Zwischen depressiver Mutter, skurrilem Psychiater und surrealer Neu-Verwandtschaft haben ihm die jungendlichen Lehrjahre nur eins gebracht: jede Menge Mitleid.
Dabei hatte sein Leben ganz unspektakulär angefangen. Zwar leidet der Dreikäsehoch unter den Eheproblemen seiner Eltern Deirdre (Annette Bening) und Norman (Alec Baldwin), doch erst mit deren Entscheidung sich helfen zu lassen, beginnt für Sohn Augusten der Albtraum. Der exzentrische Eheberater Dr. Finch, der als Psychiater die Beziehung der Burroughs’ retten soll, unterstützt deren Trennung und schickt Deidre für eine Valium-Kur in ein schäbiges Motel. Der Vater ist über alle Berge und so kommt Augusten zu den Finches. Eine Welt, in der Hundefutter gegessen, Beruhigungsmittel wie Süßigkeiten konsumiert und wichtigen Entscheidungen anhand zufällig ausgewählter Bibelzitate gefällt werden. Jedes Mitglied der Finch-Familie hat eine ganz eigene Psychose und versucht ihm das eigene Credo aufzudrücken. Jeder Widerstand ist zwecklos und Augusten passt sich notgedrungen an. Es dauert nicht lange und der Teenager entdeckt seine homoerotischen Gefühle für Neil, den 35-Jährigen Adoptivsohn der Finch-Familie. Neben allen Eskapaden und Horrorsituationen findet er besonders mit Schwester Natalie die für ihn notwendige Zuversicht, Liebe und Spaß am Verrücktsein, die ihn stark macht.

Ryan Murphy, der sich hierzulande durch den Serienerfolg Nip/Tuck einen Namen gemacht hat, bleibt bei Krass / Running with Scissors seiner Inszinierungslinie aus schwarzem Humor und menschlichem Drama treu. Er zeigt eine kindliche Hölle aus psychischer Gewalt und Absurditäten und einen engagierten Augusten, der zusehen muss, wie er die eigene Jugend möglichst ohne Blessuren übersteht. Mit ein bisschen Optimismus ist es wahrscheinlich richtig zu sagen, dass das Leben von Augusten Burroughs das bestmögliche Ende gefunden hat. Dennoch ist der Weg dahin hart und steinig, was Drehbuch und Regie dem Zuschauer pausenlos einhämmern: Schreckliche Ereignisse und Orientierungslosigkeit im Leben eines Kindes werden genüsslich ausgebreitet, bis man zwischen Mitleid und Verwirrung nicht mehr weiter weiß. Die satirisch überhöhten Figuren werden zwar im Laufe des Filmes ruhiger und verständlicher, aber der wahre Kern der Geschichte geht durch ihre plakative Darstellung ein wenig verloren. Dafür weicht die angenehm-lockere Komik, die den Film anfangs noch belebt, einer fast statischen Ernsthaftigkeit, die wenig Raum lässt für inhaltliche Entwicklungen. Durchweg ist nicht klar, ob man die Figuren lieben oder besser hassen sollte.

Die Psychokomödie über die 70er Jahre in Amerika glänzt mit Schauspielern wie Annette Benning, Brian Cox und Gwyneth Paltrow, die ihren Figuren ein bisschen Menschlichkeit einhauchen können. Sie krankt aber gleichzeitig an ihrem Anspruch auf Abbildung der Buchvorlage, trifft die Zynik des Romans leider selten. Der Film ähnelt daher eher Independenthits der letzten Jahre wie Die Royal Tenenbaums oder Thumbsucker, und reiht sich lückenlos in das Coming-Of-Age-Genre ein. Herausragend ist der Film in dieser Gruppe leider nicht.

Krass

Richtig verstehen wird man das Leben von Augusten Burroughs auch nach der Verfilmung seiner autobiografischen Roman-Vorlage nicht:
  • Trailer
  • Bilder
Meinungen
· 07.03.2007

lest unbedingt das buch. augusten burrouhgs ist ein gott.

Kommentare

Diese Sicherheitsfrage überprüft, ob Sie ein menschlicher Besucher sind und verhindert automatisches Spamming.