Köpek - Geschichten aus Istanbul

Köpek - Geschichten aus Istanbul

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Eskalierende Episoden aus der türkischen Metropole

Klangvoll und friedlich erhebt sich der Gebetsruf des Muezzins über die gewaltige Millionenmetropole und ein Morgen in Istanbul bricht an. Diese religiöse Referenz, die den auditiven Auftakt des Films Köpek – Geschichten aus Istanbul der türkisch-schweizerischen Filmemacherin Esen Işık bildet, bleibt die einzige dieser expliziten Art in diesem städtischen Drama, das drei extrem unterschiedliche fiktive Figuren durch einen brennend bedeutsamen Tag in ihrem Leben begleitet.
Eigentlich sollte der zehnjährige Cemo (Oğuzhan Sancar) auch an diesem Morgen zur Schule gehen, doch gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Mehmet (Bekir Sevenkan) zieht er dann doch durch die Straßen Istanbuls, um Papiertaschentücher zu verkaufen und so möglichst ein wenig zum knappen Budget seiner Familie beizutragen. Doch – wie sich später zeigt – das verdiente Geld und Mehmets Anteil dazu wird ihm von seinem arbeitslosen Vater abgezockt, der es in Alkohol anlegt, während seine Frau für die Familie in einer öffentlichen Toilettenanlage schuftet. Die Aufgabe, die kranke Großmutter zu füttern, fällt ebenfalls Cemo zu, dem offensichtlich kaum Zeit für altersgemäße Spielmöglichkeiten bleibt und der gerade für ein Mädchen aus einer besseren Gegend schwärmt, die er allerdings nur unter der Gefahr, von einem brutalen Sicherheitsschergen vertrieben zu werden, betreten kann.

Die Hausfrau Hayat (Beren Tuna, für ihre Darstellung mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet) hat gerade noch eine morgendliche Liebesstunde mit ihrem Mann verbracht, bevor ihre kleine Tochter Dilan zur Schule aufsteht, und will später zu einer heimlichen Verabredung in die Stadt fahren. Dass sie dazu erst ausführlich mit ihrem Gatten verhandeln muss, der offensichtlich misstrauisch ist, weist auf das Machtgefälle innerhalb dieser Ehe hin. Tatsächlich will Hayat ihren einstigen Verlobten treffen, der vor Jahren plötzlich einfach verschwunden blieb, doch allein mit der Absicht, sich nach einem klärenden Gespräch mit ihm für immer zu verabschieden. Sie ahnt nicht, dass ihr Mann, der als Busfahrer arbeitet, sie in der Stadt aufzuspüren versucht ...

Die aparte Ebru (Çağla Akalın), die als Prostituierte tätig ist und an diesem Morgen gerade einen Freier verabschiedet, ist in tristen Liebeskummer versunken. Ihr ehemaliger Geliebter Hakan (Salih Bademci) hat sie verlassen und sich mit einer klassischen Frau verlobt, kam er doch trotz großer Zuneigung nicht mit dem auffälligen Erscheinungsbild Ebrus als transsexuelle Person zurecht. Wieder einmal durch handgreifliche Diskriminierung angegriffen sucht Ebru dann Trost bei Hakan, der in einer Apotheke arbeitet, und auch wenn es zu einem zärtlichen Kuss kommt, weist er sie dennoch endgültig ab: Es gebe keine Zukunft für sie beide. Obwohl ihr guter schwuler Freund Kaan (Hakan Karsak) ihr dringend davon abrät, folgt Ebru später Hakan und seiner Verlobten in ein Lokal, wo sie ihren verlustigen Liebsten anschmachtet, begleitet von der Live-Band ein melancholisches Liedchen intoniert und sich schließlich kräftig betrinkt ...

Die ansprechend authentische, unpathetische Zeichnung und Darstellung der drei Hauptfiguren, die ganz unterschiedliche Typen von Bewohnerinnen und Bewohnern Istanbuls repräsentieren, ist die herausragende Qualität dieses leisen Straßenfilms, dessen eigentliche Protagonistin die Stadt selbst ist. So allmählich wie intensiv entsteht eine sympathisierende, mitfühlende Nähe zu diesen belasteten, tristen Charakteren, die innerhalb ihres alltäglichen Kampfes um ein würdiges Leben nach tröstlichen Momenten der Verbundenheit, der Zuneigung, der Liebe Ausschau halten. Dies ereignet sich episodenhaft im unwegsamen Raum der türkischen Hauptstadt, die – emotional wie infrastrukturell – mit ihren gewaltigen Höhen und Tiefen gezeigt wird. Wenn Wind aufkommt, streift dieser auch sichtbar Ebru, Hayat und Cemo, doch die Bewegungen, die er ankündigt, münden in Esen Işıks Langfilmdebüt Köpek – Geschichten aus Istanbul schließlich in üble Eskalationen, für alle drei Figuren.

In unspektakulärer, sich geschickt dezent aufheizender Atmosphäre zeigt die türkisch-schweizerische Regisseurin und Drehbuchautorin, wie sich aus defizitären, alltäglich gewohnten, dann jedoch eines Tages gefährlich anschwellenden Zuständen und Ereignissen Katastrophen entwickeln können, auch jenseits der expliziten aktuellen soziopolitischen Problemlagen, mit denen Istanbul und die Türkei gerade in den Medien präsent sind. Der titelgebende Hund – Köpek – tritt einerseits tatsächlich als verwaister Welpe auf, den Cemo unbedingt retten will, symbolisiert aber andererseits ein schutzloses Schicksal, das auch den menschlichen Kreaturen in gewisser Weise widerfährt, jenseits aller positiven Wendungen, die im Verlauf der Dramaturgie immerhin möglich erscheinen, etwa wenn Cemo in einem hilfsbereiten Kioskbesitzer einen temporären Beschützer findet.

Markant in ihrer Ausprägung erscheint die gewaltige, sich mächtig erstreckende und erhebende Stadt, und doch könnten diese Geschichten auch in einer anderen Weltmetropole angesiedelt sein, zumal Köpek – Geschichten aus Istanbul offensichtlich bewusst auf gängige Merkmale und Klischees der Stadt verzichtet und ihre Menschen beispielsweise auch als unverbindlich weltlich gekleidet auftreten lässt. Diese zugleich lokale wie auch leicht zu globalisierende Stimmung ist es, die diesen Film zu einem unspektakulären, doch eindringlichen Exempel fiktiver urbaner Repräsentationen werden lässt, wie sie überall auf der Welt stattfinden könnten – was bei Kinderarmut und Gewalt gegenüber (jungen) Menschen, geschlechtlicher Diskriminierung und männlicher Machtdominanz in der Ehe ja auch aktuell absolut realistisch ist. Ein starkes Debüt, im türkischen Original mit deutschen Untertiteln zu sehen, dessen beinahe banale Brutalität jenseits von Moralisierung und Politisierung nachhaltig berührt und bestürzt.

Köpek - Geschichten aus Istanbul

Klangvoll und friedlich erhebt sich der Gebetsruf des Muezzins über die gewaltige Millionenmetropole und ein Morgen in Istanbul bricht an. Diese religiöse Referenz, die den auditiven Auftakt des Films "Köpek – Geschichten aus Istanbul" der türkisch-schweizerischen Filmemacherin Esen Işık bildet, bleibt die einzige dieser expliziten Art in diesem städtischen Drama, das drei extrem unterschiedliche fiktive Figuren durch einen brennend bedeutsamen Tag in ihrem Leben begleitet.
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Meinungen
Helmut Schiestl · 19.06.2016

Hunde sind in Filmen ja oft so etwas wie Symbole für etwas, was Tier und Mensch verbindet – Treue vielleicht oder manchmal auch Liebe – hier ist es ein den Unbilden des städtischen Lebens ausgesetztes junges Hündchen, dem zwei Kinder Zärtlichkeit entgegenbringen und sich um es sorgen. Die Sorge der Erwachsenen gilt anderen Dingen, auch hier geht es um Liebe, aber diese ist – erwachsen geworden – eher eine sehr archaische und von einem kruden Besitzdenken geprägte. Wie anders könnte man es sich sonst erklären, wie da ein Liebender Mann seine Frau ersticht, die er ein paar Szenen vorher noch leidenschaftlich geliebt hat, nur weil er sah, dass sie sie sich mit einem anderen Mann – ihrer verflossenen Liebe – getroffen hat, nur auf Vermutungen hin sozusagen. Oder der junge Transsexuelle, der von seinem Liebhaber schmählich abgewiesen wird, weil dieser sich für so eine Beziehung schämen würde. Dieser Film vermittelt ein sehr radikales und doch auch realistisches Bild über die heutige Türkei, in der zwar mit modernen Autos gefahren wird, und bezeichnenderweise findet man in dem Film auch keine Kopftuchträgerinnen oder sonst wie „rückständig“ gekleidete Menschen, sondern Menschen der Großstadt, wie man sie auch in allen anderen Metropolen Europas findet. Und trotzdem: durch diese Menschen geht ein innerer Riss, der sie letztendlich selbst zerstört, Und es ist ein ziemlich hoffnungsloser Blick auf eben dieses Land, das gerade jetzt wieder verstärkt in unsere mediale Aufmerksamkeit gerückt ist. Nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil die Widmungsträgerin des Films, die italienische Künstlerin Pippa Bacca, mit ihrer Friedensmission gescheitert ist und dabei ihr Leben lassen musste. Starkes Kino!

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