Klasse Deutsch (2018)

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Wenn Kinder aus anderen Ländern nach Deutschland kommen, können sie oft nicht sofort dem regulären Unterricht folgen. Viele  müssen erst Deutsch lernen. Der Dokumentarfilm beobachtet, wie sich die Lehrerin einer Kölner Vorbereitungsklasse um unterschiedlich lernwillige Schüler*innen bemüht.

Klasse Deutsch (2018)

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Üben, üben und nochmals üben

Der Schüler ist müde vor Langeweile, sein geradeaus gerichteter Blick sucht im Ungefähren Halt. Was ihm die Lehrerin erklärt, ödet ihn so schrecklich an, dass er bald entweder einzuschlafen oder aus der Haut zu fahren droht. Ja, so ist das mit der Schule und mit der Pubertät, beides kann einem, vor allem in Kombination, den Tag zeitweilig gründlich vermiesen. Aber auf solche Befindlichkeiten kann in diesem Fall noch weniger Rücksicht genommen werden als sonst. Ferdi ist neu in Deutschland, er besucht eine Vorbereitungsklasse und hat dort nur noch wenige Monate Zeit, um besser Deutsch zu lernen und seine großen Lücken in anderen Fächern zu schließen.

Der Dokumentarfilm von Florian Heinzen-Ziob (Original Copy) beobachtet den Alltag in einer Vorbereitungsklasse an der Henry-Ford-Realschule Köln. Lehrerin Ute Vecchio soll Schüler*innen im Alter von 10 bis 16 Jahren, die aus dem Ausland kommen, in maximal zwei Jahren fit für eine deutsche Schule machen. Vor allem übt sie also Deutsch mit ihnen, aber auch Mathematik. Und sie steht ihnen unterstützend zur Seite, wenn sie bereits den Unterricht in einer Regelklasse der Schule besuchen. Sechs Monate lang hat Heinzen-Ziob regelmäßig in der Klasse gedreht. Der Film besteht gänzlich aus den unkommentiert bleibenden Beobachtungen, die sich vor allem auf die Beziehungen der Lehrerin zu vier einzelnen Schülern konzentrieren. Sie verdeutlichen, dass Ute Vecchio eine Vollblutpädagogin ist, die ihren Schützlingen auch menschlich und in Fragen, die nichts mit dem Lernstoff zu tun haben, als Gegenüber und Ansprechperson dient. 

Denn sie weiß, wie schwer es Pranvera, die aus Albanien stammt, in ihrer neuen Umgebung hat. Die kinderreiche Familie hat noch keine eigene Wohnung, die beste Freundin des Mädchens an der neuen Schule wird nach Albanien abgeschoben. Unter Tränen erzählt die lernwillige, eifrige Schülerin dann der Lehrerin, dass sie in der Regelklasse gemobbt und ausgegrenzt werde. Pranvera hängt an Ute Vecchio, sie will ihr erzählen, wie die Familie in Albanien lebte. Wer würde ihr sonst zuhören? Die Lehrerin stärkt ihr auch den Rücken, als sie sagt, dass ihre Mutter ihre 4 in Deutsch nicht gut genug findet. 

Auch ihren kirgisischen Schüler Schach verteidigt Ute Vecchio im Gespräch mit seiner Mutter, die schon Einsen von ihm erwartet und sich selbst jeden Satz von ihm dolmetschen lassen muss. Mehr noch, einmal mag sie seinen strengen Eltern gar nicht melden, dass er den Unterricht geschwänzt hat, weil sie ihn vermutlich vor Gewalt beschützen will. Schach und seinen besten Freund Kujtim aber muss sie auseinander setzen, weil sie nur schwätzen und stören. Die beiden Jungs versuchen ebenso wie der Jugendliche Ferdi regelmäßig, die Lehrerin mit einer Mischung aus Charme und frechem Witz um den Finger zu wickeln. Manchmal kann sich Ute Vecchio ein Lächeln nicht verkneifen, die Ausreden, die sich die Schüler einfallen lassen und ihr schelmisches Werben um Verständnis sind nicht nur bühnenreif, sondern erzeugen auch Sympathie.

Es fällt auf, wie viel Geduld die Lehrerin aufbringt, um ihren Schülern im Einzelgespräch Rechenwege, Wortbedeutungen, Lerntechniken zu erklären. Vor allem versucht sie unermüdlich sie aktiv ins Gespräch einzubeziehen. Ein paar ehemalige Schüler kommen manchmal vorbei, um mit unmotivierten Kindern wie Kujtim zu üben – aber auch sie stoßen an Grenzen. Ferdi sagt ganz offen, dass Lesen nicht so sein Fall sei, er brauche mehr Freizeit. Für den so oft lustlosen Jugendlichen hat Ute Vecchio nur wenig Lob übrig, und als sie ihm einmal aus einem Buch vorliest, tut sie das so zügig, als habe sie einen Muttersprachler vor sich. Ferdi schließt die Augen, es sieht ganz danach aus, als habe er abgeschaltet.

Wo kippen Fordern und Fördern in Überforderung? Wäre es denn möglich jedes Kind, jeden Jugendlichen individuell abzuholen, um seinen Spaß am Lernen zu wecken? Auch eine erfahrene Pädagogin wie Ute Vecchio stößt manchmal an Grenzen. Als Zuschauer fragt man sich ohnehin, ob ihr denn gar keine Sozialpädagogen und sonstigen Fachkräfte zur Seite stehen – und warum sie einmal sogar eigenhändig die Wand des Klassenzimmers streicht.

Heinzen-Ziob hat sich aus zwei Gründen dafür entschieden den Film in Schwarzweiß zu drehen. Er wollte es den Zuschauern erleichtern sich unter dem Eindruck einer gewissen Zeitlosigkeit an ihre eigene Schulzeit zu erinnern. Und er wollte vermeiden, dass die farbige Vielfalt im Raum, die bunten Möbel, Bilder und Kleidungsstücke vom Thema ablenken. Diese Begründung klingt stimmig, denn das minimalistische Schwarzweiß der Aufnahmen entfaltet tatsächlich so etwas wie einen Sog, der die Betrachter tiefer in das Geschehen hineinzieht. Zuweilen vermisst man aber bei den Beobachtungen einen roten Faden. Es wird zu wenig herausgearbeitet, wie sich die einzelnen Kinder und ihre Beziehung zur Lehrerin entwickeln, wie Schwierigkeiten gemeistert werden. Das wirkt sich auch nachteilig auf den Spannungsbogen aus.

Der Film wird wohl trotzdem niemanden emotional kalt lassen. Im Gegenteil, man beginnt schon bald mit diesen Kindern und Jugendlichen mitzufiebern, sich um sie zu sorgen, sich über ihre Nöte den Kopf zu zerbrechen. So muss es auch dieser Lehrerin jeden Tag ergehen, die nicht nur unterrichtet, sondern auch Integration leistet, ganz persönlich als Vertreterin einer Gesellschaft, die ihren Schüler*innen so fremd vorkommt. Es sollte viel mehr Dokumentarfilme geben über Migrantenkinder im deutschen Schulsystem. Denn ihre Schwierigkeiten könnten Pädagogen, Bildungsforschern und -politikern Rückmeldung geben, wo sich die Schule – auch zum Wohle aller – noch verbessern muss. 

Klasse Deutsch (2018)

Die B206 ist keine normale Schulklasse, und Ute Vecchio ist keine normale Lehrerin. Maximal zwei Jahre hat die resolute Kölnerin Zeit, Kinder, die aus dem Ausland neu nach Deutschland kommen, mit Härte und Hingabe auf das deutsche Schulsystem vorzubereiten. Dabei sind die Herausforderungen so vielschichtig wie die Länder und Kulturen, aus denen die Kinder kommen: Die ehrgeizige Pranvera, die im Armdrücken selbst gegen die Jungs gewinnt, muss erleben, wie ihre beste Freundin abgeschoben wird. Ferdi, der von einem Job als Automechaniker träumt, bleiben nur 4 Monate, um 4 Jahre Schulstoff nachzuholen. Und Klassenclown Kujtim hat während seines bewegten Lebens zwar vier Sprachen gelernt, kann aber keine einzige Sprache schreiben.

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