Kinski Talks 1

Kinski Talks 1

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

"Jetzt spreche ich!"

Seine Ausbrüche und Tiraden gegen Regisseure, Kollegen und Andere sind legendär, seine Rollen im Kino ebenfalls – zumindest teilweise. Während der spießigen Zeit des Wiederaufbaus, in den späten Fünfzigerjahren, den Sechzigern und den Siebzigern war Klaus Kinski (1926-1991) das unbestrittene „enfant terrible“ des oftmals viel zu braven deutschen Kinos. Ein Bürgerschreck, der mit dem Furor eines Wahnsinnigen Lyrik zerlegte, das Publikum beschimpfte und so vulgär, obszön und beleidigend war wie kaum jemand vor oder nach ihm. Werner Herzog, der mit Kinski triumphale Erfolge feierte (u.a. Nosferatu – Phantom der Nacht, Woyczek, Fitzcarraldo, Cobra Verde) und während der Dreharbeiten entsetzlich unter den Ausbrüchen der Schauspielers litt, hat diesem Berserker des deutschen Kinos sogar einen Dokumentarfilm mit dem bezeichnenden Titel Mein liebster Feind gewidmet. Vor kurzem erst war Kinski in einem weiteren Dokumentarfilm (Jesus Christus Erlöser von Peter Geyer, 2008) zu sehen, bei dem die berüchtigte Lesung des Neuen Testaments durch den Schauspieler am 20. November 1971 in der Berliner Deutschlandhalle thematisiert wurde.
Einer seiner nach wie vor bekanntesten Skandalauftritte Kinskis fand im Jahr 1977 bei der WDR-Talkshow Je später der Abend statt. Vor dem versammelten Fernseh- und Studiopublikum führte Klaus Kinski den bedauernswerten Moderator Reinhard Münchenhagen (von Kinski beinahe durchgehend als „Herr Münchhausen“ angesprochen) nach allen Regeln der Kunst vor, unterbrach ihn und drehte ihm die Worte im Mund herum, dass man auch heute noch nur ungläubig staunen kann. Ergänzt wird der Auftritt durch die Aufzeichnung eines 75-minütigen Interviews (man sollte eher sagen eines Interviewversuchs) aus dem RTL-Archiv, dass sich die Journalistin Helga Guitton antun musste: „Sind Deine Redakteure damit zufrieden? Wirst Du jetzt gefeuert oder sind die froh darüber? Benimmst Du Dich zum ersten Mal so dämlich, speziell bei mir oder hast Du es vorher auch schon gemacht?“ musste sich die Moderatorin fragen lassen. Und in diesem Ton ging es munter weiter. Bis heute wurde das Interview niemals in voller Länge gezeigt. Wenn man die Szenen sieht, die sich hier abspielen, kann man das durchaus verstehen.

So amüsant der Talkshow-Auftritt und das Interview auch sein mögen – sie zeigen nur eine Facette des Menschen Klaus Kinski. Der war nämlich nach Auskunft seines Sohnes Nikolai, aber auch nach Meinung einiger Kollegen wie Alfred Vohrer und Joachim Fuchsberger im Privaten einer der liebenswürdigsten Menschen überhaupt. Schaut man sich die DVD Kinski Talks 1 an, mag man das beim besten Willen nicht glauben. Es wäre weitaus spannender, wenn einmal diese andere, vielleicht weniger spektakuläre, aber mindestens ebenso wichtige Seite der Persönlichkeit Kinskis ihre Würdigung erführe. Aber vielleicht verkauft sich das nicht so gut wie der Mythos vom wilden und unberechenbaren Künstler Klaus Kinski, vom Besessenen, der als ideale Projektionsfläche für die unterdrückten Frustrationen seines gleichermaßen amüsierten wie erbosten Publikums eine quasi kathartische Funktion einnimmt.

Kinski Talks 1

Seine Ausbrüche und Tiraden gegen Regisseure, Kollegen und Andere sind legendär, seine Rollen im Kino ebenfalls – zumindest teilweise. Während der spießigen Zeit des Wiederaufbaus, in den späten Fünfzigerjahren, den Sechzigern und den Siebzigern war Klaus Kinski (1926-1991) das unbestrittene „enfant terrible“ des oftmals viel zu braven deutschen Kinos.
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