King of Devil´s Island

King of Devil´s Island

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der Aufstand auf der Teufelsinsel

Im Grunde kennt man Geschichten wie diese: Da kommt jemand von außerhalb in ein rigides System der Unterdrückung, wird systematisch entmündigt und misshandelt und lernt mit der Zeit sich zu wehren, bis schließlich gegen die jahrelangen Erniedrigungen in einer explosionsartigen Bewegung revoltiert wird oder der Ausbruch gelingt. Viele Spielfilme über Gefängnisse oder Erziehungsanstalten funktionieren so – mal im Großen wie bei Frank Darabonts Die Verurteilten, mal im Kleinen wie bei Philip Kochs Picco, wo sich der angestaute Hass nicht gegen die Wärter entlädt, sondern gegen einen Mithäftling. Auch King of Devil’s Island / Kongen av Bastøy, Marius Holsts schmerzhafte Aufarbeitung eines dunklen Kapitels der norwegischen Geschichte, folgt der bewährten Dramaturgie seiner Vorbilder. Dennoch zweifelt man nie an der Authentizität der Umstände auf der berüchtigten Gefängnisinsel Bastøy im südlichen Oslofjord. Denn was Holst hier zeigt, liegt gar nicht so weit zurück und spricht trotz aller Behutsamkeit in der Inszenierung immer noch eine deutliche Sprache, die nichts beschönigt.
Die Teufelsinsel wird Bastøy von den Einheimischen auch genannt, obwohl diese nicht annähernd wissen, welche Zustände dort draußen im Oslofjord herrschen. Wir schreiben das Jahr 1915, als die Handlung des Films einsetzt. Unter den Neuankömmlingen, die keineswegs alles Straftäter sind, sondern manchmal auch nur aus zerrütteten Familien kommen, befinden sich auch Ivar (Magnus Langlete) und Erling (Benjamin Helstad). Namen jedoch sowie jede Form von Freiheit und Individualität sind das erste, was sie auf der Insel verlieren werden. Sie sind von nun an C-5 und C-19 und müssen sich dem strengen Regiment des Anstaltsdirektors Bestyren (Stellan Skarsgård) und des Hausvaters Bråthen (Kristoffer Joner) beugen. Beaufsichtigt werden die Neuen von C-1 alias Olav (Trond Nilssen), der in wenigen Wochen die Insel verlassen soll.

Während sich Ivar seinem Schicksal beugt und zum bevorzugten Opfer von Bråthens auch sexuellen Übergriffen wird, versucht Erling sich gegen das harte Regime der Aufseher durchzusetzen, was dazu führt, dass er ein ums andere Mal bei Übertritten gegen die Hausordnung erwischt und härtesten Strafen ausgesetzt wird. Sein Freiheitsdrang aber ist unbesiegbar und mündet schließlich in einem offenen Aufstand der jugendlichen Insassen, gegen den die Heimleitung mit aller Härte vorgeht.

Seine Wirkung auf den Zuschauer verdankt Marius Holsts Film weniger einer raffinierten Inszenierung oder ausgeklügelten Dramaturgie – in beidem folgt das Werk einer klassischen Linie, die auf ähnliche Weise vor zwanzig oder dreißig Jahren funktioniert hätte. Auch inhaltlich zeigt King of Devil’s Island wenig wirklich Neues. Von Anfang an herrscht kaum ein Zweifel über die Rollenverteilungen zwischen Gut und Böse: Der Rebell und der Duckmäuser, das Opfer und die Täter – sie alle kommen einem trotz der realen Ereignisse, auf die sich der Film beruft, bekannt und vertraut vor und so rufen Schockerlebnisse wie der Selbstmord eines Insassen kaum Erstaunen hervor. Interessant sind vor allem jene Figuren, bei denen die Zuordnung ambivalenter gerät: So erscheint der Anstaltsdirektor Bestyren keineswegs nur als Bösewicht, sondern vielmehr als typischer Verfechter der „schwarzen Pädagogik“, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall in Europa an der Tagesordnung war, wovon ja auch Michael Hanekes Film Das weiße Band eindrucksvoll erzählt. Während bei Haneke aber diese Form der Erziehung bestens in den Zeitkontext eingefügt ist, verführt Holsts Film beinahe zu der Annahme, die Rigidität der Maßnahmen sei eine Besonderheit, die der isolierten Insellage geschuldet sei. Nur kurz beleuchtet der Film die Irritation Bestyrens, als dieser Mann, der vollkommen überzeugt ist von der Richtigkeit seines Handelns, vom Aufstand „seiner“ Jungen erfährt. Was ihn aber dazu veranlasst, seine Schreckensherrschaft auf der Teufelsinsel als richtig zu begreifen, dazu schweigt der Film.

Dass King of Devil’s Island dennoch emotional bewegt und fesselt, liegt vor allem am ausgezeichneten Spiel der Darsteller, von denen einzig und allein Stellan Skarsgård einem breiteren internationalen Publikum bekannt sein dürfte. Benjamin Helstad aber und all die anderen jungen Schauspieler muss man sich möglicherweise merken, ihr intensives Spiel drückt dem Film den prägenden Stempel auf.

Nachdem das Erziehungsheim Bastøy 1970 geschlossen wurde, fungiert die Insel heute wieder als „Besserungsanstalt“. Heute allerdings sind es Strafgefangene, die hier interniert sind, wobei die Zustände auf der Insel heute mit denen von damals in keiner Weise zu vergleichen sind; zwischenzeitlich gilt Bastøy gar als eines der liberalsten Gefängnisse der Welt.

Spricht man heute in Norwegen von der Teufelsinsel, denkt kaum jemand mehr an Bastøy, sondern viel eher an Utøya im benachbarten Tyrifjord, wo Anders Behring Breivik im Sommer 2011 69 Menschen tötete. Was damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesellschaftlicher Konsens war – körperliche Gewalt und Zwang gegen Kinder zur Durchsetzung der eigenen Prinzipien –, ist heute allenfalls die Weltsicht eines verwirrten Einzeltäters. Insofern haben sich die Zeiten also durchaus zum Besseren, wenn nicht gar zum Guten gewandelt. Damit sich Geschichte aber in ihren finsteren Aspekten nicht wiederholt, dazu bedarf es der Erinnerung. Und hierzu leistet King of Devil’s Island einen wichtigen Beitrag

King of Devil’s Island ist der bis dato teuerste norwegische Filme und zugleich einer der erfolgreichsten – in seiner Heimat sahen 300.000 Zuschauer Marius Holsts wütende Anklage. Zudem wurde der Film mit dem norwegischen Filmpreis „Amanda“ ausgezeichnet.

King of Devil´s Island

Im Grunde kennt man Geschichten wie diese: Da kommt jemand von außerhalb in ein rigides System der Unterdrückung, wird systematisch entmündigt und misshandelt und lernt mit der Zeit sich zu wehren, bis schließlich gegen die jahrelangen Erniedrigungen in einer explosionsartigen Bewegung revoltiert wird oder der Ausbruch gelingt.
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Meinungen
Uwe · 19.04.2012

Ein Film, den man erst einmal sacken lassen muss. Das anschließende Gespräch mit der Filmvorführerin war auch sehr interessant. Bastøy ist auch heute noch eine Strafgefangeneninsel im Oslofjord in Norwegen. 115 Verurteilte verweilen hier ihre Strafe: Betrüger, Bankräuber, Sexualtäter, Gangleader, Mörder. Die Wachen tragen keine Waffen; es gibt keine Zellen, keine Kameras oder Zäune. Bastøy ist ein Ort, an dem Selbstverantwortung großgeschrieben wird. Die Gefängnisbetreiber glauben nicht, dass Kriminelle zu besseren Menschen werden, wenn man sie bestraft. Gibt man Menschen mehr Verantwortung und gegenseitigen Respekt, besteht eine größere Chance, dass sie ein besseres Leben weiterführen. Der Ansatz scheint aufzugehen. In Westeuropa liegt die Rückfälligkeitsrate bei 60 -70 %. In Bastøy nur bei 30 %. (© Michel Kapteijns)

Mo · 09.10.2011

Ein einzigartiger Film über eine Freundschaft in einem Umfeld, in dem es eigentlich keine Freundschaft geben kann. Marius Holst erzählt eine unglaubliche Geschichte mit authentischen Bildern und ausgezeichneten Schauspielern. Ein Muss für jeden Kinogänger !!!

Frauke Thielecke · 08.10.2011

Großartiger Film!

Kommentare

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