Kinder (2019)

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Nina Wesemanns Dokumentarfilm folgt vier Berliner Kindern in jene Ecken der Stadt, in die sie nicht mit ihren Eltern hingingen.

Kinder (2019)

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Großwerden in Berlin

Was machen die Kinder eigentlich so den ganzen Tag, wenn niemand zuschaut? Doch, wirklich, Eltern kennen das, diesen tiefsitzenden Wunsch, zuschauen zu können, „Mäuschen zu spielen“, wie man so sagt – also einen Blick darauf zu bekommen, was ihr langsam selbständiger werdender Nachwuchs so treibt, wenn sie nicht zuschauen, wenn sie sich frei bewegen.

Mit Kinder kann Nina Wesemann diesen Wunsch erfüllen – natürlich nur scheinbar, denn wenn in ihrem Dokumentarfilm Kinder allein durch die Straßen Berlins streifen, dann streifen sie natürlich eben nicht allein, sondern wenigstens mit einer Kameraperson. Wobei sich auch darüber hinaus zeigt, wie wenig die Kinder unbedingt das Alleinsein suchen (manche schon, manchmal), sondern immer und immer wieder sich mit Freundinnen und Freunden treffen und herumtreiben, von Geschwistern zu schweigen.

Arthur, Christian, Emine und Marie heißen die vier Kinder, schön alphabetisch sortiert, und Einheimische merken schnell, dass Wiesemann ihren Film genauso gut auch Großstadtkinder oder Berlinkinder hätte nennen können. Die Stadt schleicht sich hier schnell als fünfte Person mit ins Bild, sie ist immerzu mit ihren Orten und Eigenheiten präsent: Den öffentlichen Verkehrsmitteln, bekannten und wenig bekannten Orten der Stadt, das viele Grün und das viele Blau, aber natürlich auch Geschäfte und Häuser und Hinterhöfe und Keller.

Berlin wird zum Spielplatz der Kinder, die ruhig an der Spree sitzen oder mit dem großen Bruder erste Graffiti an einer Wand hinterlassen. Das fängt die Kamera manchmal sehr dokumentarisch im direkten Blick ein, manchmal lässt sie poetisch anmutende Bilder durchschlüpfen, wenn ein versperrendes Gitter im Schattenriss überwunden wird.

Die vier Kinder sind an unterschiedlichen Momenten zwischen noch völliger Kindheit und beginnender Adoleszenz und changieren in dem guten Jahr, während dessen sie zu sehen sind, immer wieder hin und her zwischen den verschiedenen Entwicklungsstufen; ganz wie im richtigen Leben also. Damit das auch niemand verpasst, hängen schon ganz am Anfang des Films ein paar Mädchen, die dafür eigentlich schon viel zu groß sind, in sehr präpubertär-gelockerter Körperhaltung auf einem für Kleinkinder gedachten Karussell, auf hellblau und pink glitzernden Plastikponys.

Nina Wesemanns Film ist zugleich und nicht einmal ganz heimlich eine Feier der großen Freiheit – also ein Loblied darauf, dass die Kinder Raum und Zeit haben, sich selbständig zu entfalten, zu tun und zu lassen, was sie wollen. Was in Kinder groß und dröhnend überhaupt nicht oder nur sehr am Rande vorkommt, sind: Eltern, Schule, Pflichten, Hausaufgaben. Was stattdessen geschieht: Große Selbständigkeit, ein wenig Streit, offene Worte.

Dass man immer mehr das Gefühl bekommt, die Kamera verschwinde im Bewusstsein der Kinder, ist sicher auch der Auswahl und dem Schnitt geschuldet; aber so stellt sich dann doch eine große Vertraulichkeit mit den Kindern ein, ein Gefühl von Echtheit, auf das man sich gerne einlassen mag, ohne jemals ganz überprüfen zu können, ob die Kinder nicht doch in Rollen verfallen.

Diese Zweifel verschwinden aber in Momenten wie dem, als drei Brüder sich über’s Essen streiten, auf Polstermöbeln fläzend, während der Fernseher läuft. Eine Einladung zum Lästern über die faule, desinteressierte Generation ist das freilich nicht; nach und nach dringt durch die Gespräche der Jungs durch, dass sie offenbar eine politische Talkshow sehen und sehr genau wissen, wer dort gerade spricht.

Wesemann zumindest ist sich sicher: Um diese Generation muss man sich keine größeren Sorgen machen.

Kinder (2019)

Die S-Bahn rauscht durch Berlin und durch das Leben von Emine, Marie, Christian und Arthur. Ihre Wege werden sich wahrscheinlich niemals kreuzen, doch es gibt eine Gemeinsamkeit: Sie sind Großstadtkinder. Ein Jahr lang hat Nina Wesemann den Alltag ihrer jungen Protagonist*innen dokumentiert. Der intime Einblick offenbart die sensible Seelenwelt von Heranwachsenden und fängt die unterschiedlichen Stimmungen der Jugendlichen und ihrer urbanen Umgebung ein.

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