Kill Me Today, Tomorrow I'm Sick! (2018)

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Der für seine Dokumentarfilme bekannte Joachim Schroeder versucht sich zusammen mit Tobias Streck an einem Spielfilm über den Kosovo und die Friedensmissionen, die nach dem Krieg ins Land kamen – gelingt ihnen das?

Kill Me Today, Tomorrow I'm Sick! (2018)

Eine Filmkritik von Verena Walzl

Internationales Verhängnis

Kosovo, 1999. Der Krieg ist vorbei und die internationalen Organisationen halten Einzug in Prishtina. Unter ihnen ist auch Anna Neubert (Karin Hanczewski), die für die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) im Medienbereich Aufbauarbeit leisten soll. Sie ist voller Tatendrang und entspricht dem Typus des western saviors, der kurz nach dem Krieg an eine möglichst schnelle Auflösung des interethnischen Hasses glaubt. Voller Enthusiasmus und Tatendrang bezieht sie ein Gemeinschaftsbüro, wo sie zugleich ihre Arbeitskolleg*innen kennenlernt. Schon bald bemerkt sie, dass der Einsatz überhaupt nicht so verläuft, wie sie es sich ausgemalt hatte. Zum einen kommt es immer wieder zu Angriffen auf serbische Zivilist*innen — und der OSZE scheint wenig daran gelegen, diese überhaupt aufzuklären zu wollen beziehungsweise den ehemaligen UÇK-Kämpfer Rhaci (Boris Milivojević) — wohl angelehnt an den heutigen Präsidenten Kosovos, Hashim Thaçi — dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Zum anderen beginnt sie immer mehr, an dem Einsatz und den Menschen, die sie in ihrer Arbeit tagtäglich umgeben und die sich dabei als korrumpierbar erweisen, zu zweifeln.

Ihr an die Seite gestellt ist der Bosnier Plaka (Carlo Ljubek), der zugleich als ihr Fahrer und Übersetzer agiert. Mit seinem albanischen Kumpel Burim (Eray Egilmez) beginnt er bald, den „Internationalen“, wie die Mitglieder der Friedensmissionen zusammenfassend genannt werden, geschmuggelte Ware zu verkaufen und sich so einen Zuverdienst zu seinem OSZE-Gehalt zu sichern. Anna verliebt sich überdies im Laufe des Films in den Witwer Plaka. Dieser hilft ihr, einen Piraten-Radiosender aufzubauen, bei dem Albaner*innen, Serb*innen und Rom*nja gleichberechtigte Sendezeit bekommen sollen und über heikle Themen wie etwa Zwangsprostitution sprechen können.

Dieser Handlungsbogen umrahmt die selbstbetitelte Tragikomödie der beiden Regisseure Joachim Schroeder und Tobias Streck. Es ist Schroeders erster Spielfilm — zuvor war er ausschließlich dokumentarisch tätig und drehte etwa den kontrovers diskutierten Dokumentarfilm Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa (2017), der vom WDR zunächst nicht ausgestrahlt werden wollte, sowie diverse Dokumentationen mit und über Henryk M. Broder. Broder taucht ebenso in Kill me today, Tomorrow I’m sick! in einigen Szenen auf: als OSZE-Mitarbeiter unter dem Rollennamen Henryk Gorski.

Am schwächsten ist der Film an jenen Stellen, an denen er sich Stereotypisierungen von Albaner*innen und Serb*innen hingibt und seine Figuren zum Teil in der Einseitigkeit vorherrschender, konkurrierender Geschichtsnarrative operieren lässt - mal mehr, mal weniger subtil. Vom Amselfeld, über die mutmaßliche Schuld der Albaner*innen am Zerfall Jugoslawiens und einer Andeutung des angeblichen stagings albanischer Kriegsopfer durch die UÇK, bis hin zu einigen Aussagen den Islam im Kosovo betreffend. Dabei kommt einem die Diskussion zu Peter Handkes Jugoslawien-Texte in den Sinn. Was Handke allerdings in seinem Kosovo-Buch Die Kuckucke von Velika Hoča pathetisch abhandelt, wird hier mit Witz und Augenzwinkern getan. Das macht es aber nicht weniger problematisch.

Es schadet nicht, Hintergrundwissen über den Konflikt und die Region mitzubringen, um einige der äußerst tendenziösen Anspielungen zu verstehen und einordnen zu können. Schade vor allem, dass dadurch die eigentlich wichtige Erzählung über die Übergriffe auf Minderheiten im Nachkriegs-Kosovo, aber auch die vorangegangenen Kriegsgräuel und die kolonialistische Politik Serbiens gegenüber den Bewohner*innen des Kosovos – die im Film so gut wie komplett ausgeblendet werden – ebenso nicht erfasst werden. Kill me today, Tommorow I’m sick! verfährt grobschlächtig, will über das Versagen der internationalen Friedensmissionen satirisch erzählen, verfängt sich aber immer wieder in politischen, religiösen oder ethnischen Aspekten, die in der Art, wie sie hier erzählt werden, problematisch sind. Produktionstechnisch ist auch erwähnenswert, dass der Film nicht im Kosovo, sondern unter anderem im serbischen Novi Pazar sowie in Südtirol gedreht wurde und die Hauptdarsteller, die Albaner*innen verkörpern, der Sprache kaum mächtig sind, weswegen die Passagen, in denen Albanisch gesprochen wird, sehr holprig daherkommen. Überhaupt verfährt der Film in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Serbisch und Albanisch, die wegen Mängeln bei der Feinheit der Ausführung am Ende störend wirkt.

Kill me today, Tommorow I’m sick! repräsentiert leider eben jenes hegemoniale Gehabe des Westens gegenüber dem Balkan, welches er vermeintlich zu kritisieren versucht. So treten etwa die deutschen Charaktere mit Vor- und Nachnamen in Erscheinung - das bleibt den serbischen und albanischen Figuren, als wäre das nichts Besonderes, selbstverständlich vorenthalten. Man sieht dies gleichermaßen an der Produktion, der Bildpolitik und den oft flach daher kommenden Witzen und Charakteren, die eher Platzhalter für ganze Ethnien oder Religionen darstellen, als echte Filmfiguren, deren Handeln aus ihrem Charakter heraus motiviert ist.

Kill Me Today, Tomorrow I'm Sick! (2018)

Die NATO hat Serbien bombardiert. Die Kosovo-Albaner feiern „ihren“ Sieg über die serbischen Unterdrücker. Der Hass zwischen den Ethnien wütet noch immer. Die Internationale Gemeinschaft startet die größte und teuerste Hilfsaktion seit 1945 und schickt viele tausend Mitarbeiter, um die Region zu befrieden. Anna ist stolz darauf, ihren Beitrag für einen demokratischen Wandel zu leisten. Doch sie muss erkennen, dass viele Kollegen neurotisch, ignorant, korrupt und gelangweilt von ihrer eigenen Mission sind. Und Commander Rhaci, der gefeierte kosovarische Freiheitskämpfer und Liebling des Westens, beutet das Land aus wie ein Mafiaboss. Kann sich Anna in den schwersten Stunden ihres Lebens ausgerechnet auf Glücksritter Plaka verlassen, der die „Internationals“ vor allem wegen ihres Geldes liebt? (Quelle: 52. Hofer Filmtage)

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Meinungen
Antonietta Ferrante · 16.01.2020

Grandioser Film. Sehr ernst und berührend, dabei rasant und witzig.
Eine junge naive Journalistin (gespielt von der Tatort-Komissarin Karin Hanczewski) reist im Auftrag der OSZE in den Kosovo, kurz nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen, um dort beim Aufbau einer freien Presse zu helfen. Ein bosniakisches Schlitzohr (kongenial gespielt von Carlo Ljubek), der als ihr Fahrer und Dolmetscher fungiert, hilft ihr dabei, unter anderem, in dem er sowohl ihre Fragen als auch die Antworten ihrer Interviewpartner falsch übersetzt. Die Realität holt sie in Form von aus ethnischen Hass motivierten Morden und in Frauen- und Organhandel verwickelte kosovarische Kooperationspartner ein. Entsetzt und empört muss sie erkennen, dass den vielen Internationals vor Ort die Situation im Kosovo völlig egal ist, und jeder sein eigenes süppchen kocht. Um den „Erfolg“ der Mission (und ihre Pfründe) nicht zu gefährden, vertuschen und verharmlosen die OSZE-Verantwortlichen die ethnische Gewalt und die mafiösen Strukturen, mit denen sie kooperieren. Die Journalistin gründet kurzerhand, ihrem Auftrag treu, zusammen mit ihrem Fahrer und einer bunten Truppe einen Piratensender, der die Verhältnisse vor Ort ungeschönt darstellt und bringt damit nicht nur Unruhe in die International Community von Pristina, sondern auch sich und ihre Mitstreiter in Gefahr.
Selten ist ein deutscher Film so spannend und dabei so witzig und berührend inszeniert worden. Auch tut es gut, mal etwas aus dieser geographischen Ecke zu erfahren, dessen ethnische Spannungen nach wie vor bestehen, die uns in Deutschland so fremd und unverständlich erscheinen.
Unbedingt sehenswert!

Rebecca W. · 10.01.2020

Ein grandioser Film. Schreiend komisch und bedrückend zugleich. Endlich mal kein Friede-Freude-Eierkuchen Film in dem alles ganz politisch korrekt ist. Ich wünschte ich würde Herrn Broder und Herrn Steinhöfel öfter auf der Leinwand sehen!

Kommentare

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