Kaviar (2019)

Kaviar (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Im Bann des Oligarchen

Es gibt Filme, deren Relevanz sich unversehens ändert — und zwar ganz allein deshalb, weil ihre Prämisse oder Teile ihrer Handlung von realen Ereignissen eingeholt oder überholt werden. Dies war beispielsweise bei Damián Szifrons famosen Episoden-Drama „Wild Tales — Jeder dreht mal durch!“ der Fall. In dessen Auftaktgeschichte bringt ein Pilot eine Passagiermaschine absichtlich zum Absturz. Und was anfangs noch wie eine gelungene Pointe erschien, erhielt fast ein Jahr später durch den absichtlich herbeigeführten Absturz der German Wings Maschine 9525 in den französischen Alpen einen gänzlich anderen Dreh. Konnte man vorher noch lachen, stieß einem die Pointe später so unangenehm auf, dass man sich trotz seiner Qualitäten zumindest anfangs kaum mehr anschauen konnte.

Bei Elena Tikhonovas greller Farce Kaviar verhält es sich gottlob nicht ganz so extrem, doch auch hier gibt es Parallelen, die den Film in ein anderes Bezugssystem mit der so genannten Realität setzen. Und das hat vor allem mit der „Ibiza-Affäre“ um den FPÖ-Politiker HC Strache zu tun, bei der der ehemalige österreichische Vizekanzler und ein Vertrauter sich mit einer angeblichen Oligarchen-Nichte aus Russland trafen und bereit waren, Staatsaufträge und die Kronen-Zeitung an dubiose Geschäftsleute zu verhökern.

Zwar verhält es sich bei Kaviar dann doch etwas anders, aber an mehr als nur einer Stelle fühlt man sich vom Geschehen auf der Leinwand an die realen Ereignisse erinnert, die zum Sturz der ÖVP-FPÖ-Regierung führten.

Der Film beginnt mit seltsamen Jagdszenen: Ein nackter (und nicht sehr ansehnlicher) Mann mit einem übergestülpten Lenin-Kopf wird über eine Wiese getrieben, während ein anderer von einem Hochsitz aus auf ihn anlegt. Und man ahnt schnell, dass dies nicht der Beginn, sondern das Ende einer Geschichte ist, die sich im Kommenden entspinnt. In der geht es um den Oligarchen Igor  (Mikhael Evlanov) einen jener „neuen Reichen“, die es im postkommunistischen Russland zu Millionen und Milliarden gebracht haben. Und der hat es sich mit kindlicher Begeisterung in den Kopf gesetzt, eine standesgemäße Residenz mitten in Wien auf die Schwedenbrücke bauen zu lassen. Dabei helfen soll ihm der windige Geschäftsmann Klaus, der als eine Art Generalunternehmer den Bau und vor allem das Schmieren der Politik übernehmen soll. Und dann ist da vor allem noch Igors Dolmetscherin Nadja (Margarita Breitkreiz), die die Fäden ziehen soll in dem Puppenspiel, während Igor zumeist im fernen Russland weilt. Was die Feinen und weniger Feinen allerdings nicht wissen: Nadja hat gemeinsam mit Klaus’ Ehefrau Vera (Daria Nosik) und der rebellischen Künstlerin Teresa (Sabrina Reiter) längst den Plan gefasst, die Machenschaften zu durchkreuzen und das Geld an sich zu bringen — denn schließlich geht es um 100 Mio. Euro.

Kaviar ist sicherlich kein Film der feinen Zwischentöne, sondern lebt vielmehr von der lustvollen Überzeichnung, dem schnellen, groben Strich und der Jonglage mit allerhand Klischees in denen russische Oligarchen kindlichen Gemüts mal eben nach Kinderart ihr Traumhaus zu Papier bringen und alle Welt tanzt nach ihrer Pfeife. Dabei sind es noch nicht mal ihre Landsleute, die die gebürtige Russin Elena Tikhonova aufs Korn nimmt — auch die Österreicher und vor allem deren vermeintliche Elite bekommt in Kaviar reichlich ihr Fett weg. Und wie man seit der Ibiza-Affäre weiß, liegt sie mit ihrer Einschätzung gar nicht so sehr daneben, auch wenn sich eine bunte Satire wie Kaviar gegen die Banalität und Abgeschmacktheit der realen Ereignisse fast schon harmlos ausnimmt. Unterstützt wird diese Gangart durch ein enormes Tempo, schnelle Schnitte und Schwenks, brachiale Wendungen und vor allem viel Musik und Alkohol — klar, russische Seele eben. Vor allem aber ist Kaviar auch fast so etwas wie eine Ermunterung an all die Frauen an der Seite von Politikern, Oligarchen und anderen Potentaten, den Kerlen dieses Feld der Schachzüge nicht kampflos zu überlassen, sondern diese ebenso zu demontieren, wie die Lenin-Statue, die ausgerechnet zum Transport der Millionen dienen soll. Eine Komödie mit Hintersinn.

Kaviar (2019)

Nadja kennt den Oligarchen Igor in- und auswendig. Als seine Dolmetscherin weiß sie mehr von ihm, als beiden lieb ist. Sein jüngstes Projekt ist größenwahnsinnig: eine luxuriöse Villa auf einer Brücke im Herzen Wiens. Doch Nadja, ihre beste Freundin Vera und Teresa, die Babysitterin ihrer Kinder, schmieden einen Plan, der Igor nicht gefallen wird.

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