Katzelmacher

Katzelmacher

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Die dumpfe Saat des Fremdenhasses

Langeweile, Überdruss und Erstarrung – dies sind die Koordinaten im Leben einer Gruppe von jungen Leuten Ende der sechziger Jahre. Man trifft sich, redet über dies und jenes, langweilt sich, streitet sich, schläft miteinander – manchmal auch gegen Entlohnung – und geht wieder auseinander, bis zum nächsten Aufeinandertreffen. So vergehen die Tage von Marie (Hanna Schygulla), Erich (Hans Hirschmüller), Paul (Rudolf Waldemar Brem), Helga (Lilith Ungerer), Elisabeth (Irm Hermann), Peter (Peter Moland), Rosy (Elga Sorbas) Franz (Harry Baer), Gunda (Doris Mattes) und Klaus (Hannes Gromball). Doch als Elisabeth (Irm Hermann) den Griechen Jorgos (Rainer Werner Fassbinder) als Untermieter bei sich aufnimmt, ändern sich die Verhältnisse schlagartig, denn nun ist ja der „Katzelmacher“ da, der sich wunderbar als Projektionsfläche für die eigenen Aggressionen, Ängste und Vorurteile benutzen lässt – zumal Jorgos eine Affäre mit Marie beginnt. Doch selbst als sich Wut und Frust in einer Gewaltaktion den Weg bahnen, ändert sich nichts im Leben der jungen Leute – alles bleibt, wie es ist. Das Leben geht weiter…
„Katzelmacher“, so bezeichnete der bayrische Volksmund lange Zeit bevorzugt südländische „Fremdarbeiter“, die – so das dumpfe Vorurteil – deutschen Frauen Kinder machen würden, um sich anschließend abzusetzen. Auch wenn der Begriff etymologisch anderen Ursprungs ist, so hielt er sich doch lange Jahre und verdeutlichte eine besonders perfide Strategie des Fremdenhasses, mit vermeintlich „niedlichen“ Worten die widerwärtige Verknüpfung von rassistischen und sexuellen Vorurteilen zu manifestieren und zu einem Bestandteil des alltäglichen Sprachgebrauchs werden zu lassen – ein Phänomen, das vor allem aus den Köpfen älterer Menschen kaum wegzubekommen war. Und so ist es auch kein Wunder, dass Katzelmacher nach Rainer Werner Fassinders eigener Aussage ursprünglich eher ein Stück über den latenten Fremdenhass und verborgenes braunes Gedankengut bei älteren Leuten werden sollte. Da das zugrunde liegende Stück aber an Fassbinders „antitheater“ inszeniert wurde, formte der Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Fassbinder stattdessen das Porträt einer jugendlichen Vorstadttristesse – angesichts des wieder aufkeimenden, oft von Jugendlichen getragenen Rassismus der letzten Dekaden eine beinahe prophetische Vision.

So miefig und rückständig die Verhältnisse damals auch gewesen sein mögen, sie sind heute in manchen Milieus kaum besser, und genau das macht aus Fassbinders zweitem Film ein Werk, das bis zum heutigen Tage nichts an Aktualität verloren hat. Ob man allerdings den sperrigen Stil dieses Films mag oder doch eher weniger damit anfangen kann, liegt im Auge des Betrachters und ist wie vieles reine Geschmackssache. Mit Sicherheit gibt es leichtere, verständlichere und sogar „unterhaltsamere“ Filme zum Thema Fremdenhass, dieser Film aber hat bundesdeutsche Filmgeschichte geschrieben. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sein junger Regisseur einer der prägendsten Filmemacher der siebziger Jahre werden sollte.

Katzelmacher

Langeweile, Überdruss und Erstarrung – dies sind die Koordinaten im Leben einer Gruppe von jungen Leuten Ende der sechziger Jahre.
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