Katz und Maus

Katz und Maus

Eine Filmkritik von Patrick Holzapfel

Schwimmende Psychologie

Lichtspiele und Günter Grass, ein eigenes Thema und ein Stück deutsche Filmgeschichte. Das liegt zum einen am gediegenen und international anerkannten, bisweilen erschreckend uninspirierten Die Blechtrommel und zum anderen an einem eigentlich versunkenen, radikalen Film basierend auf einem anderen Danzig-Buch von Grass, nämlich Katz und Maus von Hansjürgen Pohland.
Die intellektuelle, angriffslustige, sich in sich abwendende Sprache wird in Bilder übersetzt, das Literarische par excellence zum Spiel von Licht und Schatten. Ein schweres Unterfangen, dem Pohland zunächst äußerst eindringlich mit einem Setting entgeht, das filmischer nicht sein könnte: ein Loch in einem Schiff auf dem Meer, ganz ähnlich jenem, in das der Film aufgrund eines skandalösen Politikums nach seiner Veröffentlichung verschwand. Denn der jüngere und ältere Mahlke (Protagonist der Literaturvorlage) wurden von Willy Brandts Söhnen Lars und Peter gespielt. Das war soweit in Ordnung, auch für den sorgenden Vater, aber als man dann zu einer Masturbationszene und einem in der Hose verschwindenden Ritterkreuz gelangte, war das dann doch zu viel des Guten für Brandt und viele seiner politischen Kollegen. Der Film wurde an den entsprechenden Stellen gekürzt.

Aber was für ein Film liegt eigentlich hinter diesem Politikum? Es ist schwer zu sagen, denn durch die satirische, sich in sich selbst genügsame Zuspitzung der Grass-Novelle schreit der Film förmlich nach einer Reaktion. Es geht um die Jugend in Danzig im Schatten des Zweiten Weltkriegs. Sie tummeln sich in an die Neuen Wellen im osteuropäischen Kino erinnernden Bildern an der Ostsee und eben vor allem auf und bisweilen in einem gestrandeten polnischen Minensucher, wiederholen auswendig Daten von Kriegsschiffen und versammeln sich mehr und mehr um den besten Taucher der Clique, den Jungen mit dem hüpfenden Adamsapfel, Mahlke. Dieser hat die Ausstrahlung eines Deutschen. Ein problematischer Satz mit dem viel gesagt werden kann.

Es ist die Vermischung aus unschuldiger Naivität und Perversion, die als übermächtiger Subplot unter den verschiedenen Ereignissen rund um Mahlke und seine Freunde taucht. Dabei behält Pohland die Erzählung in der Erzählung-Struktur von Grass bei, wobei er den Erzähler Pilenz mit Wolfgang Neuss besetzt. Notwendig scheint das filmisch nicht und da der Film die Werktreue sehr frei auslegt, hätte man auch darauf verzichten können. Die spannende Faszination der Jugendlichen mit dem Militär verflüssigt sich in satirischen Wellen zu einer Distanz, die so tut (auch wenn davon auszugehen ist, dass sie genau das nicht will), als hätte das alles nichts mit der Welt zu tun, in der die Zuseher des Films leben.

Die Überhöhungen werden verstärkt durch das plötzliche Auftreten von puppenartigen Figuren, die wie Phantome auf dem Meer schwimmen und die eigentlichen Charaktere ersetzen. Was Katz und Maus derart einfordert, ist seine Bedeutung als Kunstwerk, nicht seine Bedeutung im Dialog mit der Welt, die Grass’ Erzählung, den Film und auch die Charaktere hervorgebracht hat. Das macht den Film nicht prätentiös oder selbstgenügsam, aber entrückt und desinteressiert. Vielleicht ist es aber gerade der provokante Gestus, der den Finger zu heben vermag. Im scheinbaren Spiel, das der Film treibt, verstecken sich hier und da präzise beobachtete Psychologien, die ziemlich deutlich machen woher bestimmte gesellschaftliche Verhaltensweisen kommen könnten. In dieser Hinsicht ist Katz und Maus eine angenehme Antwort auf Das weiße Band. Die Schwere schwimmt hier nur so an einem vorbei.

Die neu in der Edition Filmmuseum erschienene DVD ist mit tollen Extras ausgestattet. Dazu zählt neben einem kuriosen und sehr unterhaltsamen Cinema-Verité-Making-Of auch ein Beitrag von Pohland mit und über Günter Grass. Das Booklet konzentriert sich vor allem auf die Entstehungsgeschichte des Films rund um Willy Brandt und den politischen Skandal.

Katz und Maus

Lichtspiele und Günter Grass, ein eigenes Thema und ein Stück deutsche Filmgeschichte. Das liegt zum einen am gediegenen und international anerkannten, bisweilen erschreckend uninspirierten „Die Blechtrommel“ und zum anderen an einem eigentlich versunkenen, radikalen Film basierend auf einem anderen Danzig-Buch von Grass, nämlich „Katz und Maus“ von Hansjürgen Pohland.
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