Karneval! Wir sind positiv bekloppt

Karneval! Wir sind positiv bekloppt

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Kölner Narren im Dauertraining

Wie eine altehrwürdige Tradition eine ganze Stadt alljährlich in den Ausnahmezustand treibt, lässt sich besonders schön am Kölner Karneval studieren. Die "Mischung aus Unverständnis und Neugier", mit der sich der westfälische Filmemacher Claus Wischmann nach eigener Aussage dem Phänomen näherte, kennen auch viele Fernsehzuschauer aus dem Rest des Landes, wenn sie sehen, wie die Rheinländer als Sträfling oder Nonne kostümiert in den Straßen tanzen. Oder wenn die Gäste einer Prunksitzung an langen Tischen sitzen, Pappnasen und Federboas tragen und applaudieren, sobald ein Tusch dazu auffordert. Wischmanns Dokumentarfilm gestattet einen Blick hinter die Kulissen dieses närrischen Treibens. Er begleitet mehrere Akteure, die sich das ganze Jahr über auf die nächste Saison vorbereiten. Die Porträtierten beweisen mit ihrem unbeschwertem Gemüt, dass der Karneval nur eine besonders ausgeprägte Variante genereller kölnischer Lebenskunst ist.
Biggi Fahnenschreiber tanzte vor 50 Jahren als Primaballerina an der Kölner Oper. Zusammen mit ihrem Tanzpartner machte sie Hebefiguren aus dem klassischen Ballett auch im Karneval bühnenreif. Die 82-Jährige trainiert immer noch leidenschaftlich jedes Jahr Tanzgruppen und übt auch mit dem jeweiligen Kölner Dreigestirn elegante Drehungen und repräsentative Gesten ein. Der Justizvollzugsbeamte Ralf Knoblich übt eine Büttenrede als "Dä Knubbelisch vum Klingelpötz". Außerdem betätigt er sich als Touristenführer in Sachen Karneval und erklärt einer Busgruppe die Bedeutung der mysteriösen Feierparole "Alaaf": alles hinunter!

Bei Büttenrednern und Sängern ist generell Kölsch als Dialekt gefragt, den dann in ausgeprägter Form auch nur Einheimische verstehen. Das Lied, welches der kleine Stefan Dahm zum Besten gibt, muss im Film untertitelt werden. Der aufgeweckte Junge wird vom Vater im Karneval zu verschiedenen Auftritten kutschiert. Der Vater des jugendlichen Tobias Eschweiler hilft seinem Sohn beim Einstudieren einer Büttenrede. Wenn sich der Teenager dann damit der Kritik eines Auswahlkomitees stellt, fühlt man sich an die dramatischen Castingshows im Fernsehen erinnert. In diesem Dokumentarfilm offenbart der Karneval seine ernste, durchorganisierte Seite. Nur wer sich durch Leistung qualifiziert, darf auf die Bühne steigen. Wie die aber auszusehen hat, ist stark traditionell definiert. So wenig wie die Beinschwünge der Gardemariechen dürfen auch historisch kostümierte Soldaten mit auf Hochglanz polierten Helmen und andere ikonische Figuren fehlen. Was lustig ist, darüber scheint es ebenfalls einen traditionellen Konsens zu geben, der bisweilen museal anmutet. So treten immer noch Männer in Ballettröckchen auf und so mancher Büttenredner reißt Witze, die so neu wirken wie im Keller aufbewahrter Weihnachtsschmuck.

Gefeiert wird nicht nur auf den Straßen und in großen Festsälen, sondern auch in Kneipen wie dem "Weißer Holunder". Die Wirtsleute Margot und Karl Schiesberg wollen das Lokal nach 20 Jahren schließen. Ein herber Verlust für Kölner, die sich hier auch außerhalb der närrischen Zeit zum sonntäglichen Singen einfanden. Im Filmfinale steht dann den kostümierten Kneipengästen, die in langen Reihen schunkeln, die ganze Seligkeit des Karnevals ins Gesicht geschrieben. Statt mit harten Fakten und Datenmaterial informiert dieser Film eher emotional und unterhaltsam. Es gelingt ihm, Sympathie für sein Thema zu wecken, indem er eine sanft nostalgische Atmosphäre schafft. Am meisten überzeugt sein wertschätzender Blick auf die porträtierten Kölner Originale.

Karneval! Wir sind positiv bekloppt

Wie eine altehrwürdige Tradition eine ganze Stadt alljährlich in den Ausnahmezustand treibt, lässt sich besonders schön am Kölner Karneval studieren. Die "Mischung aus Unverständnis und Neugier", mit der sich der westfälische Filmemacher Claus Wischmann nach eigener Aussage dem Phänomen näherte, kennen auch viele Fernsehzuschauer aus dem Rest des Landes, wenn sie sehen, wie die Rheinländer als Sträfling oder Nonne kostümiert in den Straßen tanzen.
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