Kairo 678

Kairo 678

Eine Filmkritik von Beatrice Behn

Der unsichtbare Aufstand der Frauen

Nachdem die revolutionären Ereignisse in Ägypten 2011 lange Zeit im Fernsehen mitverfolgt werden konnte, bietet Cairo 678 einen tiefen Einblick hinter die Kulissen der ägyptischen Gesellschaft und bearbeitet ein Thema, dass es - wenn es nach der noch vorherrschenden Moral und Gesellschaftspolitik vor Ort ginge, gar nicht existiert: sexueller Missbrauch. Die Massivität dieser Vorkommnisse ist der westeuropäischen Öffentlichkeit erst so richtig vor Augen geführt worden, als am 3. Februar 2011 Lara Logan, eine amerikanische Korrespondentin vom Tahrir Platz berichtete und vor den Augen ihrer Begleiter von einer Gruppe Männern weggezerrt wurde. Logan wurde auf dem Platz eigenen Berichten zufolge von einer Gruppe von mehr als 200 Männern vergewaltigt und geschlagen, bis sie von Armeeangehörigen gerettet werden konnte.
Wie sich in solch einer Gesellschaft das tägliche Leben ägyptischer Frauen gestaltet, davon erzählt Mohamed Diab eindrucksvoll in Cairo 678. Sein Triptychon erzählt die Geschichten drei ganz verschiedener Frauen. Fayza (Boshra) ist eine Frau aus der Arbeiterklasse, die mit dem Bus zur Arbeit fahren muss. Täglich wird sie in dem mit Menschen voll gestopften Verkehrsmittel Opfer sexueller Belästigung. Diese läuft fast immer gleich ab. Ein Mann stellt sich direkt hinter sie mit einer Limone in der Tasche, die er ihr in den Körper drückt. Die Limone fühlt sich ähnlich ein wie ein erigierter Penis. Versucht die Frau sich nicht abzuwenden oder ihm einen drohenden Blick zu geben – und die wenigsten tun dies, denn diese Art der Gewalt bringt öffentliche Schande für das Opfer, nicht den Täter – fährt der Mann fort. Dies Mal aber nicht mit einer Limone. Fayza ist nervlich und körperlich so ausgezehrt von den Übergriffen, dass ihre Arbeit darunter leidet und auch ihr Privatleben, was ihren Mann verstört, schließlich, so sagt er, hat er sie geheiratet um ungestört Sex zu haben wann auch immer er will. Schließlich geht Fayza in Sebas (Nelly Karim) Selbsthilfegruppe. Doch sie nimmt den Rat, den sie dort erhält ernster als gedachtund erwehrt sich schon bald, in dem sie ihren Angreifern (auch mal präventiv) mit einem Messer ins Genital sticht. Seba selbst wurde Opfer einer Vergewaltigung, die ganz ähnlich der Lara Logans war. Jetzt kämpft die privilegierte Frau aus der Oberschicht für mehr Frauenrechte. Eine Mitstreiterin findet sie in Nelly (Nahed El Sebai), die die erste Klage wegen sexueller Belästigung in Ägypten anstrebt.

Cairo 678 basiert auf waren Ereignissen. Doch der Film macht es sich nicht nur zur Aufgabe von diesen zu berichten. Nach dem Aufzeigen des Facettenreichtums und der verschiedenen Arten, wie Frauen in Ägypten missbraucht werden, wendet sich Diab auch der Seite der Männer zu. Es gibt keine einfache Aufteilung in Opfer und Täter, keine einseitigen Schuldzuweisungen, kein schmonzettiges Suhlen in der Lust am Missbrauch. Cairo 678 ist ein Film über eine Gesellschaft in der vieles schief läuft. Eines der prägnantesten Bilder, das Diab zeichnet ist das des Busses nachdem die Messerattacken Fayzas öffentlich geworden sind. Da stehen Frauen und Männer getrennt von einander in Reih und Glied, denn es herrscht Angst vor der unbekannten Messerstecherin. Ist es das was die Gesellschaft braucht? Eine Penis mordende Rächerin? Und wie stehen die Männer zu diesen Taten? Was treibt sie dazu sie zu begehen? Hier stellt Diab jeder Frau auch einen Mann entgegen. Vom verständnisvollen Freund, der helfen will, über den Mann, der nicht weiß, wie er seine Frau schützen soll bis hin zum engstirnigen Verfechter des Recht des Mannes über die Frau.

Ob Geschlecht, Klasse, Religion oder Bildungsstand – Diab schafft es mit unendlicher Eleganz all diese Ebenen in seinen Film mit einzubinden, ohne je den Fokus zu verlieren. Die Ästhetik erinnert an neorealistische Zeiten, eine Wahl, die den Eindruck einer Gesellschaft am Rande eines signifikanten Wandels vor allem für europäische Zuschauer noch ein Stück offensichtlicher macht. Cairo 678 setzt die arabische Revolution auf anderer Ebene im Kino fort.

Kairo 678

Nachdem die revolutionären Ereignisse in Ägypten 2011 lange Zeit im Fernsehen mitverfolgt werden konnte, bietet "Cairo 678" einen tiefen Einblick hinter die Kulissen der ägyptischen Gesellschaft und bearbeitet ein Thema, dass es - wenn es nach der noch vorherrschenden Moral und Gesellschaftspolitik vor Ort ginge, gar nicht existiert: sexueller Missbrauch.
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Meinungen
Snacki · 07.02.2012

Sehr guter, vielschichtiger Film über ein Land im Um- und Aufbruch. Sehenswert!

Kommentare

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