Jugend ohne Jugend

Jugend ohne Jugend

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf der Suche nach dem ewigen Leben

Wenn ein Meister des Regiefachs wie Francis Ford Coppola nach langen Jahren der Leinwandabstinenz wieder einmal einen Film realisiert, ist das per se für alle Cineasten eine gute Nachricht. Dass Coppola seit vielen Jahren an Jugend ohne Jugend / Youth without Youth arbeitete, war hinlänglich bekannt und sorgte über die letzte Zeit immer wieder für Spekulationen und Gerüchte, zumal konkrete Informationen kaum zu finden waren. Lange Zeit war lediglich bekannt, dass Coppola sich an der Verfilmung einer Novelle des rumänischen Religionswissenschaftlers Mircea Eliade versuchen würde. Das ließ manches erwarten und einiges befürchten – gilt Eliade doch als einer der Begründer des modernen Schamanismus.
Coppola erzählt in seinem Film die Geschichte des Linguistik-Professors Dominic Matei (Tim Roth), der eines Tages im Jahre 1938 in Bukarest vom Blitz getroffen wird – es ist natürlich der Ostersonntag, an dem dies geschieht. Obwohl bereits 70 Jahre alt und des Lebens überdrüssig, überlebt der Sprachforscher den Blitzschlag – dabei sollte der Ausflug in die rumänische Hauptstadt eigentlich dazu dienen, in Bukarest durch eigene Hand aus dem Leben zu scheiden. Doch das Schicksal (oder welche Macht auch sonst dahinter stecken mag) will es anders, denn just an jenem besonderen Tag feiert Matei seine Wiederauferstehung. In der Klink, in die der vom Blitz Getroffene eingeliefert wird, stellt dessen behandelnder Arzt Professor Stanciulescu (Bruno Ganz) ein merkwürdiges Phänomen fest: Statt dahinzusiechen, erholt sich der Patient nicht nur, sondern erscheint bereits nach kurzer Zeit deutlich verjüngt – sogar Zähne wachsen dem Mann nach und innerhalb weniger Wochen weist er das biologische Alter eines Dreißigjährigen auf. Nicht nur der Körper, auch der Geist des Sprachforschers zeigt sich deutlich erfrischt: Matei verfügt plötzlich über außergewöhnliche Fähigkeiten. In Sekundenschnelle kann er den Inhalt schwieriger Bücher „erfassen“, das Erlernen neuer Sprachen geht plötzlich mit unglaublicher Geschwindigkeit von der Hand. Dem Gesundeten erscheint die Wunderheilung wie eine zweite Chance: Mit dem Aufschub an Lebenszeit und den neuen übersinnlichen Kräften ausgestattet, mag sein Werk vielleicht doch gelingen, seine Untersuchungen über den Ursprung der Sprache zu Ende zu führen.

Klar, dass sich dank einer Veröffentlichung des behandelnden Arztes alsbald verschiedene finstere Parteien Dominic Matei an die Fersen heften, allen voran die Nazis, die den Professor gerne für ihre Pläne zur Züchtung einer neuen Herrenrasse heranziehen möchten. Außerdem wird Matei von Erinnerungen an seine Jugendliebe Laura (Alexandra Maria Lara) geplagt, die ihn einstmals verließ, um seiner Karriere nicht im Weg zu stehen. Als der Linguist auf seiner Flucht vor den Häschern Veronica begegnet, erkennt er in ihr eine Wiedergeburt der verlorenen Geliebten. Und wie er, so wurde auch sie vom Blitz getroffen und spricht seitdem in fremden Sprachen, die haargenau mit Mateis Forschungen korrelieren. Doch abermals steht die Verbindung unter einem schlechten Stern. Zudem taucht bald noch ein Doppelgänger Mateis auf, der den Mann noch mehr verwirrt. Mateis Weg führt ihn in die Schweiz, nach Indien, Malta und schließlich wieder an den Ausgangspunkt der Reise, in seine Heimatstadt Piatra Neamt, wo alles einst begann.

Ähnlich wie vor einiger Zeit Darren Aronofsky mit seinem Opus The Fountain schert sich auch Francis Ford Coppola mit seinem neuen Film wenig um Verständlichkeit und leichte Konsumierbarkeit, sondern mutet den Kinobesuchern einiges zu. Verschiedenste Erzähl- und Zeitebenen, unterschiedliche philosophische Konzepte, zahlreiche Sprachen (von denen manche seit langem nicht mehr gesprochen werden) und Story-Fragmente fließen hier ineinander und ergeben ein verwirrendes und verworrenes Puzzle, das mehr Fragen aufwirft, als es Antworten gibt und das immer wieder mit seltsamen Wendungen, Zeitsprüngen und sichtlichen Konstruiertheiten aufwartet, die in ihrer Penetranz beinahe schon erheiternd wirken würden – hätte Humor in Coppolas neustem Werk überhaupt den geringsten Stellenwert. Dem ist leider nicht so.

Jugend ohne Jugend / Youth without Youth ist nicht das großartige Comeback Francis Ford Coppolas geworden, auf das man vielleicht heimlich gehofft haben mag – und das liegt vor allem an dem puren Überfluss, dem Coppola frönt. Zu viele Ideen, zu viele Andeutungen, zu viele unterschiedliche Stile und zu viele Genres vermengen sich hier und ergeben in Summe zwar einige bemerkenswerte Momente, aber eben auch viel Leerlauf und kein geschlossenes Ganzes. Fast scheint es so, als habe Coppola in den zehn Jahren seiner Abstinenz zu viel an Material und Ideen angesammelt, die er allesamt in seinem neuen Film unterbringen wollte. Beruhigend an diesem seltsamen Film ist allenfalls, wie sehr Coppola es nach wie vor versteht, mit geringen Mitteln traumhafte Bilder zu erzeugen, die oftmals eine nahezu hypnotische Wirkung auf den Zuschauer entfalten, die aber auch immer wieder die Grenze zum puren, süßlichen Kitsch überschreiten. Er kann es also noch.

Man wünscht sich sehr, dass dieser große Mann des Films, der wie kaum ein zweiter alle Höhen und Tiefen des Geschäfts am eigenen Leibe erfahren hat, sein Lebenswerk mit einem Film krönt, der noch einmal daran erinnert, was Francis Ford Coppola alles zu leisten im Stande ist. In gewisser Weise gleicht er darin – wie überhaupt in vielem – seiner Hauptfigur, die ihren Lebensweg ebenfalls mit einem abschließenden Weg zu Ende bringen will. Für dieses ersehnte „opus magnum“ ist Jugend ohne Jugend / Youth without Youth allerdings lediglich eine Vorskizze – Coppolas Wegs ist im Gegensatz zu dem Mateis noch nicht an seinem Ende angelangt. Bleibt zu hoffen, dass er wie auch andere Regisseure in Zukunft die Finger von solch kruden Geschichten voller bedeutungsschwangerer Symbolik lässt – ganz selten nur gelingt die Allianz aus großer Filmkunst und esoterischen Themen.

Jugend ohne Jugend

Wenn ein Meister des Regiefachs wie Francis Ford Coppola nach langen Jahren der Leinwandabstinenz wieder einmal einen Film realisiert, ist das per se für alle Cineasten eine gute Nachricht.
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Meinungen
Kismet · 29.07.2008

Hier ist nichts hineinzugeheimnissen. Platter Schmarrn, taugt kaum für Sat 1. Angesichts dieses Desasters blickt man zurück und fragt sich, welche Qualitäten Rumble Fish oder Apocalypse Now wirklich hatten.

354skank · 20.07.2008

Was war denn das? Esoterik-Kitsch trifft auf Liebesschmonzette trifft auf comic-haft gezeichnete Nazis, trifft auf das fragwürdigste aller filmischesn Genres, mystery...ein kaum erträglicher, Blödsinn. Wie's scheint, ist das ernst gemeint, doch intellektuell auf dem Niveau von Tim und Struppi - nur leider viel, viel langweiliger. Die "Story" ist hanebüchen, absurd, lächerlich, die Bilder sind bis zur Rosamunde Pilcher-Peinlichkeit überladen (und erinnern an die schrecklichsten Momente der auf den billigsten Mainstream abzielenden gesamt-europäischen Koproduktionen vergangener Jahrzehnte), so dass jede Spekulation über die Motive des Regisseurs unterbleiben darf. 10 Jahre Vorbereitungszeit? Dieser Eindruck kommt wahrlich nicht auf. A.-M. Lara möchte ich nach dieser zeitraubenden Erfahrung lange Zeit nicht mehr im Kino sehen müssen, und Tim Roth schon gar nicht. Also: Was war denn das? Ein schrecklich blödes Machwerk.

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