Judgment - Grenze der Hoffnung

Judgment - Grenze der Hoffnung

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Der schmale Grat

Nun, da die Milch in dem Molkereibetrieb an der bulgarisch-türkischen Grenze nicht mehr fließt, muss erstmal der Schnaps über den Schock hinweghelfen. Die Wirtschaftskrise hat das Unternehmen überflüssig gemacht, und so steht der alleinerziehende Mityo (Assen Blatechki) plötzlich auf der Straße. Hier in diesem gottverlassenen Niemandsland eine andere Arbeitsstelle zu finden, das ist ein Ding der Unmöglichkeit, das weiß der Mann ganz genau. Und so droht alles, was er sich mühsam für sich und seinen Sohn Vasko (Ovanes Torosian) aufgebaut hat, den Bach runterzugehen: Die Stromrechnung kann er nach kurzer Zeit ebenso wenig bedienen wie die Kreditraten für das kleine Haus, das er sich mühsam abgespart hat. Und so hat er quasi keine andere Wahl, als den Vorschlag seines früheren Vorgesetzten bei der Armee anzunehmen: Denn Mityo war als Grenzschützer vor dem Ende des Ostblocks dafür zuständig, die Grenze zur Türkei hin zu schützen, da viele Ausreisewillige aus der DDR hier ihr Glück versuchten.
Nun soll er nach dem Willen des Ex-Hauptmanns (Miki Manojlović) Flüchtlinge aus Syrien und Afrika nach Bulgarien und damit in die EU schleusen. Die Route, die er mit den Verzweifelten und Hilfesuchenden nimmt, führt ihn just auf einen schmalen Bergpfad, an dem während seiner Militärzeit etwas geschah, das er mühsam verdrängt hatte. Doch nun bahnen sich die Erinnerungen und das schlechte Gewissen, das Mityo seit damals plagt, ihren Weg zurück an die Oberfläche.

Dass der Regisseur Stefan Komandarev bislang vor allem im dokumentarischen Bereich gearbeitet hat, sieht man auf den ersten Blick. Diese filmische Prägung gereicht dem Film nur teilweise zum Vorteil – und zwar vor allem dann, wenn er die Tristesse der bulgarischen Peripherie einfängt, die Schäbigkeit der Schauplätze, die Düsternis der Natur, die Ausweglosigkeit, die sich tief in die Gesichter der Akteure eingegraben hat.

In dieses realistische Setting hat er ein Drama hineingepflanzt, das sich bisweilen in seiner gewollten Vielschichtigkeit und dem unbedingten Erzählwillen eines Spielfilmdebütanten zuviel vorgenommen hat, das zuviel hineinpacken will in die Laufzeit. Sozialstudie, Vater-Sohn-Geschichte und Schuld-und-Sühne-Variation, dazu ein klein wenig Liebes- und ganz viel Vergangenheitbewältigungsdrama mit einigen Thrilleranleihen inklusive echtem Showdown in schwindelerregender Höhe, all dies versammelt das Drehbuch in 112 Minuten Laufzeit und überfrachtet damit den Film, gibt ihm etwas Gedrängtes, Gehetztes, das nicht so recht zu der bedächtigen Erzählweise und dem realistisch-nüchternen Blick passen will.

Der Eindruck der Zerrissenheit wird unterstützt von den Darstellern. Während viele der Schauspieler eher zurückhaltend agieren und vielfach allein durch ihre Gesichter faszinieren, grimassiert und rudert sich ausgerechnet der bekannteste Akteur Miki Manojlović (Irina Palm) durch den Film und wirkt weniger furchterregend als vielmehr wie die Karikatur eines Schurken aus den 1950er Jahren.

So sind es (neben dem spürbar guten Willen) vor allem die Blicke auf ein Land, von dem man sonst nur wenig im Kino zu sehen bekommt, die Judgment - Grenze der Hoffnung etwas Reiz verleihen. Sie geben eine Idee davon, welche Kulturlandschaft mit wechselvoller Geschichte hier am Rande der EU vor sich hin verrottet. Dass der Film aber bei allem Bemühen um einen realistischen Blick nicht mehr Aufmerksamkeit für die Lage der Flüchtlinge übrig hat, die Mityo über die Grenze schmuggelt, das enttäuscht dann schon.

Ein wenig ergeht es Judgment – Grenze der Hoffnung wie den Akteuren bei ihrem Weg ins vermeintliche Paradies Europa: Der Weg, den sie unternehmen und den auch der Film wagt, gleicht einem Gang auf einem sehr schmalen Grat, bei dem jederzeit der Absturz in die Tiefe droht. Der einzige Unterschied: Die Fehltritte, die sich der Regisseur leistet, sind im Gegensatz zu den Gefahren, denen sich die Flüchtlinge aussetzen, nicht tödlich und auch nicht lebensgefährlich.

Judgment - Grenze der Hoffnung

Nun, da die Milch in den Molkereibetrieb an der bulgarisch-türkischen Grenze nicht mehr fließt, muss erstmal der Schnaps über den Schock hinweghelfen. Die Wirtschaftskrise hat das Unternehmen überflüssig gemacht, und so steht der alleinerziehende Mityo (Assen Blatechki) plötzlich auf der Straße.
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Judgment - Grenze der Hoffnung von Stephan Komandarev
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von 5 bei Bewertungen
Titel
Judgment - Grenze der Hoffnung
Der schmale Grat
Originaltitel
Sadilishteto
Startdatum
FSK
12
Genre

Daten und Fakten

Produktionsland
Filmlänge
112 Min
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