Journey to the Shore

Journey to the Shore

Eine Filmkritik von Festivalkritik Cannes 2015 von Katrin Doerksen

Ein Film wie eine Vorlesung in Astrophysik für Laien

Filme lassen sich, wenn man so will, in zwei grobe Kategorien einteilen: solche, bei denen du einschläfst und solche, bei denen du die Augen mit aller Macht offen hältst, um nicht auch nur einen Frame zu verpassen. Auf Festivals gilt dieser Maßstab unter verschärften Bedingungen, insbesondere, wenn nach einigen Tagen der Schlafmangel übermächtig zu werden droht. Mit Kishibe No Tabi (Journey to the Shore) hat Kiyoshi Kurosawa - mit dem gleichnamigen Altmeister ist er nicht verwandt - einen Film abgeliefert, der es dem übernächtigten Festivalbesucher nicht eben einfach macht.
Es gibt im Japanischen ein Verb - "mitoru" - das den Prozess bezeichnet, bei dem jemand eine sterbende Person in den Tod begleitet. Von diesem Gedanken ging der Regisseur aus, als er das Drehbuch zu seinem Film entwickelte. Es erzählt von der jungen Mizuki (Eri Fukatsu), deren Ehemann Yusuke (Tadanobu Asano) vor drei Jahren ertrunken ist. Eines Tages taucht er wie aus dem Nichts wieder bei ihr auf, steht ohne Vorwarnung in der Wohnung. Erschrocken ist Mizuki darüber nicht. Vielmehr fragt sie sich, was ihn so lange aufgehalten hat.

Kishibe No Tabi ist eine Geistergeschichte ohne Genre- oder Fantasy-Elemente. Der Film plätschert als ruhiges Drama vor sich hin und stellt auf etwas ungewöhnliche Weise die Frage, die sich früher oder später allen Paaren stellt: zu mir oder zu dir? Yusuke, seit drei Jahren tot, ist mittlerweile eine Art Zwischenwesen. Er mag so aussehen und sprechen wie ein normaler Mensch, etwas von ihm weilt aber schon in einer anderen Welt. Er und Mizuki wissen das und sie willigt ein, ihn auf einer Reise zu begleiten. Die Frage ist jetzt nur noch, wohin sie diese Reise führen wird.

Kiyoshi Kurosawa hat seine Geschichte um eine Grundidee von universellem Wert herum gebaut. Trauer und Tod und vor allem die Frage nach dem Danach treiben Menschen um, solange es sie gibt. Gerade deswegen ist es so erstaunlich, dass Kishibe No Tabi es kaum vermag, wirkliches Interesse an seiner Geschichte oder seinen Figuren zu wecken. Auf ihrer Reise kommt Mizuki an eine ganze Reihe von Orten, die Yusuke innerhalb der drei Jahre seiner Abwesenheit besucht hat, trifft neue Menschen, vor allem aber auch andere Tote, die aus verschiedenen Gründen noch in der Welt der Lebenden weilen. Wäre sie ein starker, sich merklich entwickelnder Charakter, könnte diese Reise also durchaus spannend werden. Leider bleibt Mizuki aber blass, ungreifbar, fast als wäre sie selbst ein Geist, der sich unbemerkt in ein Drehbuch hineingeschlichen hat. Dass sie eine Veränderung durchmacht, an deren Ende das Loslassen des verstorbenen Gatten steht, zeigt sie mit keiner Regung. Stattdessen werden wir Zeuge von Vorlesungen in Astrophysik, die Yusuke in einem kleinen Dorf hält. Vor der versammelten Gemeinschaft spricht er von Einstein, von Lichtwellen und Teilchen und dem expandierenden Universum. Der Versuch, dem Film einen bedeutungsvolleren Nimbus zu verleihen, löst sich in Luft auf, scheitert an seiner Plakativität, an der unbeholfenen Montage und Dramaturgie.

Kishibe No Tabi bleibt eine konfuse Aneinanderreihung von zusammenhanglosen Szenen. Es ist ein ähnliches Problem wie bei Naomi Kawases An: Wir mögen vage erahnen, wohin diese Reise geht, was dieser Film mit uns vor hat und welches Potential in seinen Ideen steckt, doch bleibt das Geschehen auf der Leinwand uns merkwürdig fremd. Wo An jedoch zumindest hier und da seine Sentimentalität mit kleinen, strahlend schönen und menschlichen Momenten durchbrechen konnte, lässt Kishibe No Tabi wünschen, dass er zumindest Sentimentalität auslöste. Stattdessen: Nichts. Das Urteil fällt so simpel wie vernichtend aus: der Film lässt uns kalt. Er eignet sich ausgezeichnet als Möglichkeit für ein Schläfchen für übernächtigte Festivalbesucher.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Katrin Doerksen)

Journey to the Shore

Filme lassen sich, wenn man so will, in zwei grobe Kategorien einteilen: solche, bei denen du einschläfst und solche, bei denen du die Augen mit aller Macht offen hältst, um nicht auch nur einen Frame zu verpassen. Auf Festivals gilt dieser Maßstab unter verschärften Bedingungen, insbesondere, wenn nach einigen Tagen der Schlafmangel übermächtig zu werden droht.
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