Jonathan

Jonathan

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein bewegtes Vampir-Gemälde

In einem Interview, das auch auf der DVD zu finden ist, verrät der Regisseur Hans W. Geißendörfer, wie es nach einigen Arbeiten für das Fernsehen zu seinem ersten Kinofilm Jonathan kam, der prompt mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurde: Die Liebe in Gestalt einer hübschen Frau mit schönen großen Brüsten steckte dahinter. Doch aus dem symphatisch-emotionalen Einstieg wurde ein engagiertes, erfolgreiches Filmleben, das neben einigen weiteren Preisen 2005 bei den DVD Champions bereits mit dem Lifetime Achievement Award für das Lebenswerk Hans W. Geißendörfers geehrt wurde.
In einem Schloss in einer ländlichen Region hat sich eine grausame Bande von Vampiren eingenistet, die unter der Führung ihres Grafen (Paul Albert Krumm) eine Diktatur des Schreckens und der Ausbeutung über die Landbevölkerung ausübt, die als Nachschub für Frischblut von den brutalen Saugern gefangen gehalten wird. Als Retter berufen fühlt sich eine Gruppe von wackeren Studenten um einen im Vampirismus erfahrenen Professor (Oskar von Schab), die die Gefangenen zunächst unauffällig zu befreien plant, um dann mit ihnen gemeinsam die ganze Bande schlichtweg zu eliminieren. So planen die Mannen, zunächst den tapferen Jonathan (Jürgen Jung) verdeckt ins Schloss zu schleusen, um die Unterjochten zu erlösen, und statten ihn mit den für solche Fälle üblichen Waffen von Knoblauch bis Kreuz aus. Doch die naiven Vorbereitungen erweisen sich als absolut wirkungslos, denn der mächtige Graf erwartet den getarnten Feind bereits, und als Jonathan nach einem Schläfchen aus der Kutsche steigt, ist seine Tasche geraubt, und Pferd und Kutscher liegen tot im Wald. Nach einigen unerfreulichen Kontakten mit Dorfleuten aus der Umgebung gelangt der Student schließlich ins Schloss, und seltsamerweise heißt ihn der Graf als Gast willkommen und schützt ihn sogar vor den Bissversuchen gieriger Vampir-Damen, mit der Auflage, keine verschlossene Tür im Schloss zu öffnen, woran sich Jonathan jedoch nicht hält – daraufhin soll es ihm dann doch kräftig an den Kragen gehen …

Obwohl er die starken Elemente aufweist, die klassisch für das Genre des Vampirfilms sind, ist Jonathan ein ungewöhnliches Werk seiner Gattung, das von Regisseur und Drehbuchautor Hans W. Geißendörfer als Allegorie auf die gesellschaftspolitischen Turbulenzen seiner Entstehungszeit Ende der 1960er Jahre in Deutschland angelegt ist. Der Kapitalismus in Form brutaler Blutsauger, die Studenten als befreiende Revolutionäre – das ist so schlicht wie bildgewaltig, und durch die sorgfältig ausgeklügelte Farbdramaturgie und die Installation theateralischer Szenarien gerät der Film zu einem künstlerischen Kleinod, das letztlich eher durch seine Atmosphäre und Choreographien besticht als durch seine Geschichte. Bei vorherrschender Farbtriologie weiß (Unschuld), rot (Liebe / Gier) und schwarz (Tod) tanzen märchenhaft anmutende Elfen durch Wald und Schloss, finden seltsam sektenhafte Vampir-Versammlungen statt und letztlich der eindrucksvolle finale Kampf.

In der Reihe der Nosferatus und Draculas, die überwiegend auf den berühmten Klassiker von Bram Stoker aus dem Jahre 1897 referieren, erscheint die Figur des Grafen in Jonathan zwar ein wenig blasser als üblich, doch der schräge, originelle Film, der zu seiner Zeit recht erfolgreich lief und mittlerweile unter den Fans einen Kultstatus eingenommen hat, bietet neben der großen Allegorie einige kleinere Zeichen zu entdecken, die symbolhaft mit den Verhältnissen der 1960er Jahre in Deutschland verbunden sind. Auffällig ist auch die Musik, die mal aufgrollend und dann wieder seltsam harmonisierend beinahe die Handlung ein wenig karikiert, die nicht auf große Dialoge setzt, sondern auf die unmittelbare Darstellung der Befindlichkeiten und Ereignisse – allein der wunderschönen Bilder von Kameramann Robby Müller wegen ist Jonathan auch heute noch sehenswert.

Jonathan

In einem Interview, das auch auf der DVD zu finden ist, verrät der Regisseur Hans W. Geißendörfer, wie es nach einigen Arbeiten für das Fernsehen zu seinem ersten Kinofilm Jonathan kam, der prompt mit dem Filmband in Gold ausgezeichnet wurde:
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