Joan of Arc (2019)

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Die Geschichte der heiligen Johanna von Orléans, vom Regiexzentriker Bruno Dumont neu in Szene gesetzt – das lässt einiges und zumindest einen frischen Blick erwarten. Doch reicht das schon für einen guten Film?

Joan of Arc (2019)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Eine reine Seele unter lauter Sündern

Fast könnte man Jeanne ein Musical nennen: An entscheidenden Stellen unterbricht Dumont einfach die Dialoge und lässt stattdessen ein Lied erklingen, das von Synthesizerklängen untermalt wird. Dies ist ebenso irritierend (und manchmal auch komisch), weil zum Beispiel die hohe männliche Stimme in einer Szene einem alten weißbärtigen Mönch zugewiesen zu sein scheint, wie die Außenszenen, in denen die Betonbunker an der Küste der Normandie eine wichtige Rolle spielen. Spätestens sie verdeutlichen, dass es Dumont nicht um eine (sowieso stets unbefriedigende) Rekonstruktion der Historie geht, sondern womöglich um eine Verbindung zwischen den damaligen Ereignissen und dem Hier und Jetzt.

Wie genau diese aber aussehen soll, das bleibt dem Publikum überlassen. Fast unwillkürlich kommt einem dabei Greta Thurnberg in den Sinn – eine Jeanne d’Arc unserer Tage, die mit ähnlichem Eifer und ähnlicher Ernsthaftigkeit einen schier aussichtslosen Kampf gegen eine bornierte, satte und selbstzufriedene Erwachsenenwelt führt. Und zugleich erscheint dieses Mädchen (sehr bewegend verkörpert von Lise Leplat Prudhomme) wie eine Kämpferin für die Rechte der Frauen, eine Feministin avant la lettre, die sich allein auf das Wort Gottes und erst später dann auf ihre Eingebungen beruft. Mit dem entscheidenden Unterschied freilich, dass sie just in jenem Moment, als Gott nicht mehr durch sie und zu ihr spricht, jegliche Legitimation und Autorität verliert und am Ende gar auf dem Scheiterhaufen landet, weil sie im Gegensatz zu allen anderen ihren Prinzipien treu bleibt.

Vom ersten Moment an lässt Bruno Dumont keinen Zweifel daran, wem seine Sympathien gelten: Gleich zu Beginn stolpern die Bischöfe und geistlichen Herren derart ungelenk durch die nordfranzösische Dünenlandschaft und bewegen sich mit so wenig Natürlichkeit durch die ihnen im Grunde zutiefst fremde Welt des normalen Volkes, dass man schnell ahnt, dass diese Schranzen die reine Seele bei der erstbesten Gelegenheit verraten werden.

Bei der späteren Verhandlung gegen Jeanne wird diese Absicht noch deutlicher, wenn nahezu jeder der geistlichen Herren ein Gebrechen, merkwürdige Angewohnheiten oder eine überaus exaltierte Sprechweise aufweist, die mitunter so stark übertrieben anmuten, dass man sich vor allem an die Komikertruppe Monty Python’s Flying Circus erinnert fühlt, die in den Rollen des degenerierten Klerus eine gute Figur gemacht hätten.

Dumonts Werk – aber auch das ist für Kenner seines bisherigen Schaffens keine sonderliche Überraschung – ist ein durchaus anstrengender Film, der nicht gefallen will und der sich nicht anbiedert, sondern der irritiert, verstört und permanent die Frage aufwirft, wohin der Weg eigentlich führt, welche Absichten Dumont neben der puren Überzeichnung und Verfremdung verfolgt und ob die eigentliche Geschichte mit all ihren Charakteren nicht vielmehr ein reines Vehikel zum Transport seiner sehr eigenen und mitunter regelrecht kauzig anmutenden Weltsicht ist.

Und doch gelingt es Dumont auch hier, dass genau dieser Wille zum ganz eigenen Ausdruck bei allen Abwehrmechanismen, die er evoziert, am Ende doch dazu führt, dass man als Zuschauer die Welt und was man von ihr zu wissen glaubte, mit anderen Augen sieht. Es ist eine Erweiterung und Veränderung des Blicks, die dem Film und Dumonts ureigenster Perspektive auf die Welt förmlich abgetrotzt ist.

Nach Dumonts Die feine Gesellschaft, seinem bisher wohl zugänglichsten Werk, markiert Jeanne eine deutliche Hinwendung zu den Eigenheiten, die vor allem seine frühen Filme ausmachten. Wer also darauf spekuliert hatte, dass Dumont mit zunehmendem Alter milder werden würde, sieht sich getäuscht. Seine Bewunderer hingegen wird dies freuen.

Joan of Arc (2019)

Im 15. Jahrhundert sind Frankreich und England im sogenannten Hundertjährigen Krieg (1337-1453) miteinander verstrickt, bei dem es um die Thronfolge in Frankreich geht. In der festen Überzeugung, dass sie von Gott ausgewählt worden sei, führt die junge Johanna die Truppen des Königs von Frankreich an. Als sie gefangengenommen wird, bezichtigt sie die Kirche der Ketzerei. Doch Johanna wird ihrer Mission treu bleiben.

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