Jean Cocteau Edition

Jean Cocteau Edition

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Erinnerungen an ein Universalgenie

War er nun in erster Linie bildender Künstler oder Dichter? Oder Choreograph und Bühnenbildner? Oder nicht vielleicht doch ein Filmregisseur mit wahrhaftig fantastischer Imaginationskraft? Wenn man das Leben und Wirken Jean Cocteaus (1889-1963) betrachtet, ist es vor allem eine Frage des Standpunktes, auf welchem der unzähligen Betätigungsfelder man den Schwerpunkt legt. Eines aber ist unstrittig: Wie kaum ein zweiter Künstler ist Cocteau ein Universalgenie, dessem Ausdruckswillen ein Medium allein nicht genügte. Das DVD-Label Pierrot Le Fou würdigt den Meister des poetischen Films mit einer Jean Cocteau Edition, die drei Werke des Künstlers versammelt, von denen vor allem Orphée bekannt sein dürfte.
Dieser Film geht auf den antiken Sagenstoff um Orpheus und Eurydike zurück, versetzt die Handlung aber nach Frankreich in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg. Der Dichter Orphée (gespielt von Cocteaus „männlicher Muse“ Jean Marais) begegnet einer geheimnisvollen Prinzessin und verliebt sich in diese. Was er nicht ahnt: Die Frau ist der leibhaftige Tod und ermöglicht ihm das mühelose Hinübergleiten in das Jenseits, von dem Orphée stets heil wieder zurückkehrt. Doch die seltsam-bizarre Welt hinter den Spiegeln hat es dem müden Dichter angetan und er vernachlässigt seine Ehe sträflich. Als seine Frau bei einem Verkehrsunfall stirbt, gelingt es ihm, ins Reich der Toten zu gehen und seine Frau von dort zurück zu holen. Allerdings hat der Gnadenakt einen hohen Preis – Orphée darf seine Frau nie wieder anblicken…

Orphée ist die zweite Verfilmung des antiken Stoffes durch Jean Cocteau, bereits 1930 hatte er mit Das Blut eines Dichters eine Adaption der Geschichte geschaffen, die zu einem der prägendsten Filme des Surrealismus wurde. Zwar kann es die spätere Bearbeitung an Einfallsreichtum und Phantastik nicht mit dem frühen Filmwerk aufnehmen, doch dank der mysteriösen Atmosphäre ist diese spätere Bearbeitung des Themas der ideale Einstieg in das filmische Schaffen Cocteaus. Zehn Jahre nach Orphée wandte sich Cocteau mit seinem letzten Film als Regisseur mit Das Testament des Orpheus / Le testament d’Orphée, ou ne me demandez pas pourquoi! gar noch einmal dem Orpheus-Mythos zu. Fast scheint es so, als habe er in der Gestalt des Dichters sein ideales Alter ego gefunden.

Weiterhin sind in der Jean Cocteau Edition zwei weniger bekannte Filme des Künstlers enthalten: Der Doppeladler / L’aigle à deux têtes und Die schrecklichen Eltern / Les parents terribles, beide aus dem Jahre 1948. Im ersten der beiden Filme soll ein Anarchist die Königin töten, doch der Plan fliegt auf. Von der Polizei gejagt, flüchtet der Attentäter justament ins Gemach der Königin, die diesen vor seinen Verfolgern beschützt. Die beiden verlieben sich ineinander, zumal der Mann dem verstorbenen König verblüffend ähnlich sieht. Doch es ist eine Liaison ohne Perspektive…

Die schrecklichen Eltern schließlich erzählt von einem jungen Mann, der noch zuhause bei seinen überbehütenden Eltern lebt. Als er sich in eine junge Frau verliebt, gerät das fragile Konstrukt gegenseitiger Abhängigkeiten ins Wanken und die Familie aus der Balance.

Sollte auf die hier vorliegende verdienstvolle Veröffentlichung noch ein weiterer Teil folgen, der unter anderem Das Blut eines Dichters und den eben erwähnten Das Testament des Orpheus und vielleicht noch Es war einmal / La belle et la bête (1946) wieder auf dem deutschen DVD-Markt erhältlich macht, wäre die Unternehmung der Jean Cocteau Edition vollends gelungen. Auf jeden Fall machen schon diese drei Filme Appetit auf mehr.

Jean Cocteau Edition

War er nun in erster Linie bildender Künstler oder Dichter? Oder Choreograph und Bühnenbildner? Oder nicht vielleicht doch ein Filmregisseur mit wahrhaftig fantastischer Imaginationskraft? Wenn man das Leben und Wirken Jean Cocteaus (1889-1963) betrachtet, ist es vor allem eine Frage des Standpunktes, auf welchem der unzähligen Betätigungsfelder man den Schwerpunkt legt.
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