Jalal's Story

Jalal's Story

Eine Filmkritik von Kirsten Kieninger

Das Kind aus dem Fluss und der Lauf des Lebens

Moses kam im Bast-Körbchen, Jalal wird in einer Blech-Schüssel ans Flussufer gespült. Doch was für das biblische Findelkind die Rettung war, ist für den Säugling aus Bangladesch erst der Anfang einer langen Leidensgeschichte. Von dieser erzählt Jalal's Story, das Langfilmdebüt von Abu Shahed Emon, in drei Kapiteln. Nach seiner ersten Rettung wird Jalal zwei weitere Male auf dem Fluss ausgesetzt. Sein Leben geht zusehends den Bach hinunter, während er in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten zum jungen Erwachsenen heranwächst. Jalals gleichnishafte Lebensgeschichte ist vor allem auch eine zeitlose Parabel auf Tradition und moderne Gesellschaft in Bangladesch.
Die Eingangsszene des Films mutet fast archaisch an: ein Fischer beim rituellen Morgenbad am Fluss in ländlicher Gegend. Das Kind wird entdeckt und der Film entfaltet das erste Kapitel seiner Geschichte zunächst leicht und komödiantisch. Der Fischer nimmt das Kind, das keiner so recht will, zu sich in die Familie auf – und wird dafür vom Schicksal belohnt. Oder besser: vom Aberglauben der Dorfbewohner? Zufälligerweise gibt es mit der Ankunft des Kindes plötzlich wieder Fische im Überfluss zwischen den von Überflutungen halb weggerissenen Uferbänken. Der moderne Klimawandel ist also gegenwärtig, aber genauso ist es der tiefverwurzelte Glaube an das göttliche Prinzip. Die Dorfgemeinschaft will in Jalal ein Wunder Allahs sehen und der gewitzte und geschäftstüchtige Fischer weiß Profit daraus zu schlagen. Schnell treffen Gier, Neid und Missgunst aufeinander und Jalal wird – um des lieben Dorf-Friedens willen – kurzerhand wieder dem Fluss überantwortet.

Im zweiten Kapitel sehen wir ihn als ca. 10-jährigen Jungen wieder. Ein Lokalpolitiker hat ihn bei sich aufgenommen, doch dem Hausherrn ist neben seinen politischen Ambitionen nur wichtig, dass seine neueste Ehefrau ihm endlich leiblichen Nachwuchs "schenkt". Zur Not auch mit Hilfe eines windigen Schamanen, der sich (und dem unfruchtbaren Ehemann) mit allen Mitteln zu helfen weiß. Und Jalal? Als schweigsamer Beobachter sitzt er mitten im abgeschmackten Treiben, bis er dem Schamanen im Weg ist und wieder auf den Fluss verfrachtet wird.

In Jalal's Story ist Jalal bisher nur ein unschuldiger, stummer und letztendlich mitgerissener Spielball im Kontext seiner Findelfamilien. Die Frauen haben wenig zu melden und viel zu erdulden. Es sind die Männer, die entscheiden und handeln, die ausbeuten, korrupt sind, entführen, vergewaltigen und morden. So wie Jalals Ziehvater in Kapitel Nummer drei dieser stetig düsterer werdenden Lebensgeschichte, einem kriminell verrohten Unternehmer, der Jalal als seinen Handlanger missbraucht.

Kann ein solcher Kreislauf der Abhängigkeit, Auslieferung und Gewalt unterbrochen werden? Das Schicksal des Jungen verläuft in wiederkehrenden Abschnitten, die den Zuschauer in immer düstere Abgründe führen. Dieser Spielfilm ist zugleich grelles Spiegelbild einer von Aberglaube und Ausbeutung unterminierten Gesellschaft und poetisches Gleichnis eines als unveränderlich wahrgenommenen Schicksals. Auch wenn Jalal am Schluss hoffnungsvoll dagegen aufbegehrt: Die Welt bewegt sich kreisförmig. Und so ist ein Ende auch zugleich ein Anfang.

Langfilm-Debütant Abu Shahed Emon (der auch für Drehbuch und Monatge verantwortlich zeichnet) lässt sich viel Zeit, Jalal's Story zu erzählen. Doch die Bilder, Schauplätze und Schauspieler des Films, darunter auch viele Laien, die er gefunden hat, können weitgehend überzeugen und 121 Filmminuten tragen. Ob sie auch im Wettbewerb um den Oscar für der Besten Fremdsprachigen Film mithalten können, bleibt abzuwarten: Jalal's Story geht für 2016 ins Rennen. Seit über 10 Jahren reicht Bangladesch regelmäßig einen Film in der Kategorie Auslands-Oscar ein. Bisher hat es noch nie zu einer Nominierung gereicht. Ob Jalal's Story diesen Kreis durchbrechen kann?

Jalal's Story

Moses kam im Bast-Körbchen, Jalal wird in einer Blech-Schüssel ans Flussufer gespült. Doch was für das biblische Findelkind die Rettung war, ist für den Säugling aus Bangladesch erst der Anfang einer langen Leidensgeschichte. Von dieser erzählt "Jalal's Story", das Langfilmdebüt von Abu Shahed Emon, in drei Kapiteln.
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