It Must Schwing - The Blue Note Story (2018)

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Zwei jüdische Emigranten aus Berlin gründeten in den USA das berühmteste Jazz-Label der Welt: Blue Note Records. Eric Fiedler zeichnet in seinem Film „It Must Schwing - The Blue Note Story“ die Geschichte nach.

It Must Schwing - The Blue Note Story (2018)

Eine Filmkritik von Joachim Kurz

Auf den Spuren einer Jazz-Institution

Die Ansage, die man zu Beginn des Films hört, dürfte selbst jenen Menschen vertraut sein, die sonst wenig mit Jazz am Hut haben: Die Stimme, die man nicht so recht als eindeutig männlich oder weiblich einzuordnen vermag, eröffnet einen ganz besonderen Abend im legendären New Yorker Jazzclub Birdland: „As you know we have somethin’ special here at Birdland this evening: a recording from Blue Note Records“. Mit diesen Worten kündigte Pee Wee Marquette, der kleinwüchsige Master of Ceremony, just an diesem Abend Art Blakeys Album A Night at Birdland (1954) an. Zu einiger Berühmtheit kam der Satz spätestens knapp 40 Jahre später als Intro von „Cantaloop“ der britischen HipHop-Formation US3, mit der eine kurze Zeit der Fusion von HipHop und Rap ihren Startpunkt nahm.

Das Plattenlabel, das Marquette damals ankündigte, zählt zu den bekanntesten Firmen der Jazzgeschichte - und das, obwohl die Firma heute gar nicht mehr existiert: Blue Note Records wurde 1939 von dem aus Berlin emigrierten deutschen Juden Alfred Lion (eigentlich: Alfred Löw) gegründet, später stieß dann sein Freund aus Berliner Tagen Francis Wolff (eigentlich: Franz Wolff) hinzu, dem mit einem der letzten unkontrollierten Schiffe aus Europa die Überfahrt gelang und der eigentlich von Haus aus Fotograf war. 

Wolff war es dann auch, der maßgeblich für die innovative und ikonische Gestaltung der Plattencover zuständig war, die später zu einem oft kopierten, aber selten erreichten Vorbild wurden. Fast immer waren es eindrucksvolle, in Schwarzweiß gehaltene, grobkörnige Porträts aus Wolffs Hand von Musikern wie Miles Davis, Charlie „Bird“ Parker oder Thelonious Monk, die die Cover zierten und die mit den ab 1956 von dem Grafiker Reid Miles asymmetrisch gestalteten Grafiken den speziellen, sofort wiedererkennbaren Look von Blue Note Records schufen. 

Vor allem in den 1950er und 1960er Jahren wurde Blue Note zum Karrieresprungbrett zahlreicher bekannter Jazzgrößen wie  Horace Silver, Herbie Hancock, Art Blakey, Stanley Turrentine, Jimmy Smith, Wayne Shorter, Lou Donaldson und vieler anderer, deren Aufnahmen für das Label heute zu den essentiellen Werken des Jazz gehören. Im Jahre 1965 verkauften Alfred Lion und Francis Wolff Blue Note Records and die Plattenfirma Liberty, zwei Jahre später ging Alfred in den Ruhestand, während Wolff noch eine Weile für das Label weiterarbeitete, das in der Folgezeit mehrmals den Eigentümer wechselte. Als er 1971 überraschend verstarb, fand sich auf seinem Grabstein die Inschrift „Friend of Alfred Lion“

Die Geschichte von Blue Note Records ist sicherlich auch die von Außenseitern und von einer großen Solidarität, mit der sich zwei aus Deutschland geflohene Juden in der „neuen Welt“, in ihrem neuen Leben jenen annahmen, die in den USA als Ausgestoßene galten - den Afroamerikanern. Ihnen waren sie nahe über die gemeinsame Liebe zur Musik, ihnen galt ihre Solidarität und manchmal fast schon familiäre Fürsorge, die schließlich einen jener Wege vorzeichnete, der später in die amerikanische Bürgerrechtsbewegung münden sollte. Eindrucksvoll ist etwa jene Episode, die davon berichtet, wie die große Billie Holliday noch in den 1950er Jahren in New York - dem wohl liberalsten Ort in den USA - den Lastenaufzug nehmen musste, weil ihr als Afroamerikanerin der normale Fahrstuhl verwehrt war. Geschichten wie diese finden sich immer wieder in dem Film, aber auch Anekdoten aus dem Privatleben von Alfred Lion und Francis Wolff, deren mit deutschem Akzent vorgetragene Forderung bei Aufnahmesessions dem Film seinen Titel gab: „It must schwing!“

Eric Fiedlers Film erzählt die Geschichte von Blue Note Records  zwar vorwiegend chronologisch, doch er nimmt sich immer wieder die Freiheit Nebenwege und eher Anekdotisches in den Fluss der Bilder einzuflechten, zwischen Archivaufnahmen, gegenwärtigen Interviews mit Jazz-Größen wie Sonny Rollins, Herbie Hancock oder dem ebenfalls zur Legende gewordenen Tonmeister Rudy van Geldern (kurz vor dessen Tod im Jahre 2016) und ausgedehnten und sehr stimmungsvollen Animationssequenzen mit einem gewissen Hang zur Schönmalerei und nostalgischen Verklärung der „guten alten Zeit des Jazz“ hin und her zu wechseln. 

Diese Dramatisierung und gelegentliche erzählerische Zuspitzung hat sicherlich auch den Grund, dass es bereits einen Film über Blue Note Records gibt, der zudem recht bekannt ist: Blue Note - A Story of Modern Jazz von Julian Benedikt fand 1997 den Weg in die Kinos. Sehr viel stärker fokussiert Eric Fiedler auf die schillernden und überaus sympathischen Persönlichkeiten von Lion und Wolff, rhythmisiert und akzentuiert durch teils rasante, synchron zur Musik angeordnete Schnittfolgen stärker und versucht so, etwas vom Lebensgefühl und dem Zeitgeist der 1950er Jahre von  der Leinwand herab für die Zuschauer spürbar zu machen. Ein Vorhaben, das überwiegend gelingt, und das durchaus auch Nicht-Jazzer faszinieren dürfte.

It Must Schwing - The Blue Note Story (2018)

1939 gründeten Alfred Lion und Frank Wolff, zwei junge Emigranten aus Berlin, in New York das legendäre Jazz-Label Blue Note Records. Das Label konzentrierte sich ausschließlich auf amerikanische Jazzmusik und entwickelte einen unverwechselbaren Aufnahmestil und Sound. Blue Note Records entdeckte und produzierte eine beeindruckende Liga von Weltstars der Jazz-Musik, darunter Künstler wie Miles Davis, Herbie Hancock, John Coltrane, Sonny Rollins, Wayne Shorter, Miles Davis, Thelonious Monk und Quincy Jones. In einer Zeit, in der afro-amerikanische Musiker in den USA immer noch unter Diskriminierung und Ausgrenzung litten, wurden sie bei Blue Note Records als gleichberechtigte Künstler respektiert. Hier wertschätzte man nicht nur ihre Begabung, sondern gab ihnen eine dringend benötigte Plattform. 

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Meinungen
Jazzhead · 06.07.2018

Toller Film! Viele neue Erkenntnisse und ein wirklicher schöner visueller Stil, dem Thema angemessen!

Kommentare

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