Interview (Theo van Gogh)

Interview (Theo van Gogh)

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein messerscharfes Duell um Sein und Schein

Eine Wohnung, zwei Personen sowie eine nervenaufreibende, kräftezehrende Auseinandersetzung bilden das Szenario des puristischen Dramas Interview von Theo van Gogh aus dem Jahre 2003. Der ungefällige niederländische Gesellschaftskritiker und Regisseur, der 2004 von einem fanatischen Extremisten ermordet wurde, schickt hier zwei Akteure aus den Medienwelten in die Arena der Eitelkeiten und Selbstbehauptung, die sich auch jenseits der Regeln der Kunst ein ebenso intensives wie intimes Gefecht liefern, bei dem letztendlich einer der klugen Köpfe rollen muss. Der bitter-böse Stoff um ein derbes Duell auf gleichermaßen intellektueller und emotionaler Ebene wurde 2007 ebenfalls unter dem Titel Interview vom US-amerikanischen Schauspieler und Regisseur Steve Buscemi ungleich erfolgreicher erneut verfilmt, der die Handlung nach Manhattan verlegte und an der Seite von Sienna Miller die männliche Hauptrolle spielt.
Dass dieser Auftrag ihm so ganz und gar nicht gefällt, daraus macht der Nachrichtenredakteur Pierre Peters (Pierre Bokma) von Anfang an keinen Hehl: Als gestandener politischer Journalist und erfahrener Kriegsberichterstatter soll gerade er ein Interview mit dem populären Film-Sternchen Katja Schuurman (Katja Schuurman) führen, und das ausgerechnet zum Zeitpunkt einer schweren Regierungskrise. Nachdem er über eine Stunde lang vor ihrem Haus auf die attraktive Schauspielerin gewartet hat, ist seine Stimmung in beherrschter Gereiztheit erstarrt, die sich in distanzierter Arroganz äußert, als sich Pierre und Katja schließlich in ihrer Wohnung gegenübersitzen. Nach anfänglichen Eisigkeiten kommen die beiden dann doch gehörig wie ungehörig miteinander ins Gespräch, taxieren sich gründlich, verbünden sich nach dramatischen Dialogen gar kurzfristig im Geiste gemeinsamer Geheimnisse, um letztlich gebeutelt, aber nicht gebrochen den Kampf um die eigene Position wieder aufzunehmen. Erst am Schluss zeigt sich, wer hier tatsächlich die bessere beziehungsweise erfolgreichere Strategie in diesem durchtriebenen Spiel von Sein und Schein verfolgt hat …

Die triumphale Aufdeckung am Ende der Geschichte, die innerhalb der sorgfältig ausgeklügelten Dramaturgie wohlweislich verborgen bleibt, fokussiert noch einmal deutlich den Aspekt der Schelmenhaftigkeit, die diesem gelungenen Zwei-Personen-Stück innewohnt und sich eines mal ablenkenden, mal konfrontativen Mechanismus bedient, der eine satirische Referenz zur Funktionsweise der Medienwelten aufweist. Was im klassischen Sinne als „wahr“ gilt, verschwindet hier innerhalb der unterschiedlichen Ebenen der Inszenierungen, was Regisseur Theo van Gogh durch die Auswahl der filmischen Bedingungen noch verstärkt: Die bekannte niederländische Schauspielerin Katja Schuurman spielt sich sozusagen selbst, und die Dreharbeiten fanden in ihrer privaten Wohnung statt, so dass sich auch hier die Dimensionen des Fiktiven mit der so bezeichneten Realität verweben.

Beim Nederlands Film Festival in Utrecht für ein Goldenes Kalb für Katja Schuurman als Beste Darstellerin nominiert stellt Interview ein spannendes, auch schon mal überzeichnetes, intellektuelles Drama dar, das mit gängigen Klischees von aufrechten, seriösen Nachrichtenredakteuren genauso zynisch jongliert wie mit jenen hübscher Serien-Darstellerinnen mit perfekten, künstlichen Brüsten, die der permanente Hauch der Oberflächlichkeit zu umwehen scheint. Hier werden gängige Moralvorstellungen ausgelotet und ausprobiert, um anschließend mit beißender Ironie in der boshaften Mulde der Lächerlichkeit zu versickern, mit der deutlichen Botschaft, dass (vorgetäuschte) Aufrichtigkeit innerhalb der Medienbranche schlichtweg mit Heimtücke bestraft wird. Betrachtet man in diesem Zusammenhang das schreckliche Lebensende des Regisseurs Theo van Gogh, so drängt sich der Gedanke auf, dass dieser unwegsame Kritiker mit seiner derart interpretierten Sichtweise auf die Wirkmechanismen moralischer Grenzgänge und -überschreitungen tragischerweise wohl genau richtig lag.

Interview (Theo van Gogh)

Eine Wohnung, zwei Personen sowie eine nervenaufreibende, kräftezehrende Auseinandersetzung bilden das Szenario des puristischen Dramas „Interview“ von Theo van Gogh aus dem Jahre 2003.
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