Imagine

Imagine

Eine Filmkritik von Bianka Piringer

Mit dem inneren Auge sehen lernen

Ein neuer Lehrer sorgt an einer Augenklinik in Lissabon für Aufregung: Ian (Edward Hogg) kann wie seine jungen Schüler nicht sehen, benutzt aber nie einen Blindenstock. Er behauptet, dass er sich nur anhand von Geräuschen orientieren kann und verlagert den Unterricht hinaus in den Hof. Dort sollen die Kinder und Jugendlichen genau hören, was geschieht, ihre Sinne und ihre Neugier schärfen und sich im Geiste ein lückenloses Bild des Platzes machen. Ian übt mit ihnen auch, sich mögliche Szenarien auszumalen, schürt ihre Neugier auf all die Geschichten, die draußen darauf warten, entdeckt zu werden. Doch seine Methode ist riskant, man kann sich täuschen und beim freien Gehen gegen ein Objekt laufen oder hinfallen. Es dauert nicht lange und Ian stößt auf den erbitterten Widerstand des Klinikarztes (Francis Frappat).
„Ich fand die Methoden blinder Menschen, ihren Weg in der Welt zu finden, poetisch und gleichzeitig absolut filmreif“, sagt der polnische Regisseur und Drehbuchautor Andrzej Jakimowski. Eva (Alexandra Maria Lara), eine junge blinde Frau, die in der Klinik untergebracht ist, folgt Ian hinaus in die Stadt, zu einer Bar, wo niemand erkennt, dass sie blind sind. Ians Hörbilder, zum Beispiel, dass gerade ein Schiff in den Hafen einläuft, wecken ihre Lebensgeister und führen zu einer zarten, sich langsam vortastenden Romanze. Aber als Eva, von Ian ermutigt, die Straße überqueren will, wird sie beinahe überfahren. Sollten seine Gegner in der Klinik recht haben, die ihn für einen verantwortungslosen Hochstapler halten?

Ein eigentümlicher, entrückter Zauber geht von dieser ungewöhnlichen Geschichte aus, die Imagine zu einem kleinen Filmjuwel macht. Sie ist reizvoll in doppeltem Sinn: Zum einen stellt sie die weitgehend unbekannte, aber hoch spannende Methode der Echoortung vor, die Blinde zur Orientierung im Raum nutzen können. Zum anderen geht es um die Macht der Fantasie und der Gefühle, womit die Kinogänger direkt angesprochen werden: Denn auch das Sehen hat ja eine Komponente unbestimmter Größe, die pure Vorstellung ist, die von der Neugier und der Sehnsucht des Betrachters gespeist wird.

Die umstrittene, nur von wenigen Bewegungslehrern unterrichtete Methode der Echoortung entdecken viele Blinde zufällig in der Kindheit. Zum Beispiel lernen sie mittels Zungenschnalzen oder Fingerschnippen, Gegenstände im Raum zu lokalisieren, ihre Größe und Form zu erkennen. Hauptdarsteller Edward Hogg ließ sich von einem Blinden, der diese Methode beherrscht, trainieren. Mit lichtundurchlässigen Kontaktlinsen ausgestattet, übte er, sich draußen zu bewegen und sogar wie Ian Straßen zu überqueren. 16 junge blinde oder sehbehinderte Menschen spielen im Film die Klinikpatienten. Damit seine Schüler nicht immer vermittelt bekommen, dass sie im Nachteil sind und sich das Schärfen der anderen Sinne nicht lohnt, schließt Ian die Sehenden von seinem Hofunterricht konsequent aus. Sein Konflikt mit dem Klinikarzt entwickelt sich zur schmerzhaft persönlichen Rivalität, zu einem Kampf um Teilhabe, der auch die Hierarchie zwischen Sehenden und Blinden infrage stellt.

Es gibt bewegende Szenen im Hof beim Gruppenunterricht, wo es um nichts weiter geht, als ob die Katze oder ein Fahrrad in der Nähe sind. Wenn Ian mit Eva auf der Straße das freie Gehen übt, bekommt man einen intensiven Eindruck von der Verwegenheit dieser Versuche, von der Gefahr, der ständigen, demütigenden Nähe zum Scheitern.

Edward Hogg und Alexandra Maria Lara beeindrucken mit ihrem Spiel, in dem sich Begeisterungsfähigkeit und Verletzlichkeit mischen. In der Ruhe des Klinikhofs, in den weniger ruhigen Straßen Lissabons mit den kleinen Bars und alten Häusern breitet sich eine nostalgische Atmosphäre aus, die dazu einlädt, die Seele baumeln zu lassen. Ians Expeditionen wecken das Bauchgefühl, machen Lust auf sinnliche Entdeckungen, auf den tollkühnen Aufbruch aus Gewissheiten.

Imagine

Ein neuer Lehrer sorgt an einer Augenklinik in Lissabon für Aufregung: Ian (Edward Hogg) kann wie seine jungen Schüler nicht sehen, benutzt aber nie einen Blindenstock. Er behauptet, dass er sich nur anhand von Geräuschen orientieren kann und verlagert den Unterricht hinaus in den Hof. Dort sollen die Kinder und Jugendlichen genau hören, was geschieht, ihre Sinne und ihre Neugier schärfen und sich im Geiste ein lückenloses Bild des Platzes machen.
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