Im Sog der Nacht

Im Sog der Nacht

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Auch wenn die Geschichte mit einem klassischen Fall von Lebensmüdigkeit beginnt, geht es in dem aktionsreichen Spielfilmdebüt Im Sog der Nacht, das jüngst auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis uraufgeführt wurde, vielmehr um das Verlangen, geradezu die Gier nach einem Leben in Freiheit und Sorglosigkeit. Doch dieses beinahe bedingungslose Bestreben – wie könnte es anders sein – führt die jungen Protagonisten geradewegs in eine abgründige Ausweglosigkeit. Regisseur Markus Welter hat seinen ersten Spielfilm nach dem Roman Nattsug / Im Sog der Nacht des norwegischen Krimi-Spezialisten Fredrik Skagen inszeniert.
Pleite, planlos und von den Unwegsamkeiten des Lebens perturbiert plant der Mittzwanziger Roger (Nils Althaus), sich die Kugel zu geben. Als das Vorhaben mit einer Ohrverletzung allerdings scheitert und er bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft des exaltierten Pärchens Lisa (Lena Dörrie) und Chris (Stipe Erceg) macht, lässt sich Roger allmählich von ihrer Euphorie für das schnelle Geld und ein ungezähmtes Leben anstecken. Ein Banküberfall in der Provinz, für den der spätere Fluchtwagen nach einem Abend im Club rasch „organisiert“ ist, soll den notwendigen Zaster hereinbringen.

Die Örtlichkeiten sind gecheckt, das Vorgehen ausbaldovert und der zunächst zögerliche Dritte mit dem orientierungslosen Roger überzeugt: Der Coup kann anlaufen. Chris ist der dynamisch-wilde Kopf des Teams, während die überspannte Lisa sich in einer Prinzessinnen-Rolle gefällt – eine Metapher, die den Film durchzieht und vor allem bei Roger auf romantisierenden Widerhall stößt. Der Überfall glückt, allerdings mit einem gewalttätigen Schönheitsfehler mit fatalen Folgen: Chris schlägt die unerwartet anwesende Bankiersgattin (Nina Hesse Bernhard) nieder. Dass er sie getötet hat, erfahren die Flüchtigen erst später.

Die Berghütte von Lisas Tante wird zum Unterschlupf für die ausgelassenen Gangster, die mit reicher Beute davongekommen sind, doch die Nachricht vom Tod der Frau wirkt sich ebenso ernüchternd wie verstörend auf die Drei aus. Nichts ist mehr wie zuvor, und die unauslotbare emotionale Spannung zwischen Hochgefühl und Bedrohlichkeit beginnt zu kochen. Während sie ihre Flucht fortsetzen, begibt sich Roger mit wachsendem Retterimpuls gegenüber Lisa in Oposition zum abgeklärten Anführer Chris, den seine Rolle als Totschläger zusehends enthemmt. Als die Polizei schließlich ihre Spur aufnimmt, eskalieren die Ereignisse unaufhaltsam ...

Symbolträchtig und mit dem Fokus auf der Psychologie der Dreierbande stellt Im Sog der Nacht einen rasant inszenierten Thriller um die Strömungen außer Kontrolle geratener Lebensenergien im Spannungsfeld zwischen Zerstörung, Abhängigkeit und dem Wunsch nach Befreiung dar. Regisseur Markus Welter hat hier mit überzeugenden Darstellern, stimmungsvoller Musik – der thematisch passende Song „Desire“ stammt von der Berliner Band The Hoodoos – und einer packenden Dramaturgie ein ganz beachtliches Debüt hingelegt, das die drastischen Ambivalenzen des Lebensgefühls einer verstörten Generation zum Ausdruck bringt.

Im Sog der Nacht

Auch wenn die Geschichte mit einem klassischen Fall von Lebensmüdigkeit beginnt, geht es in dem aktionsreichen Spielfilmdebüt Im Sog der Nacht, das jüngst auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis uraufgeführt wurde, vielmehr um das Verlangen, geradezu die Gier nach einem Leben in Freiheit und Sorglosigkeit. Doch dieses beinahe bedingungslose Bestreben – wie könnte es anders sein – führt die jungen Protagonisten geradewegs in eine abgründige Ausweglosigkeit.
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