Im Regen des Südens

Im Regen des Südens

Eine Filmkritik von Marie Anderson

Ein leises Zwei-Personen-Stück aus Argentinien

Es regnet, als sich Alma (Valeria Bertuccelli) und Roberto (Ernesto Alterio), beide um die Vierzig, in Buenos Aires begegnen, und dieser Regen wird die beiden während ihrer Bekanntschaft in der argentinischen Metropole auch weiterhin als durchdringendes und gleichzeitig undruchdringliches Motiv mit starker Symbolkraft begleiten. Als intensives und doch karges Zwei-Personen-Stück angelegt, konzentriert sich Im Regen des Südens vollkommen auf die Befindlichkeiten und Interaktionen seiner beiden Protagonisten, die in ihrem Leben an einem bedeutsamen Punkt angekommen sind, der ein behutsames, planloses Innehalten jenseits des Alltagssogs erfordert.
Sie tätigt kleine Einkäufe für den unmittelbaren Bedarf, erledigt die notwendigste Körperhygiene flüchtig auf Toiletten in den Café-Bars, in denen sie einkehrt, und ihr Auto mit der defekten Scheibe, in das kürzlich eingebrochen wurde, hat sie mit Utensilien zur Übernachtung ausgestattet: Alma, Texterin für krude Ratgeberheftchen, ist ohne festen Ort und gleichzeitig mobil in ihrer Heimatstadt Buenos Aires unterwegs, vagabundiert zurückgezogen in sich selbst durch die verregneten Straßen, nachdem sie das wohnliche Appartement verlassen hat, das sie mit ihrem Lebensgefährten geteilt hat. Einen Schwangerschaftstest hat sie sich gekauft, der allerdings unbenutzt in ihrer Tasche verweilt.

Gehetzt erscheint Roberto, als er in der verregneten Dunkelheit dreist Zuflucht in Almas Auto sucht, das in einem Stau feststeckt. Nach anfänglicher Abwehr gestattet die Frau dem Fremden ein kurzes Verweilen, und auf diese Weise treffen zwei Menschen aufeinander, die sich offensichtlich in einer Ausnahmesituation befinden. So unbeabsichtigt, wie sie zusammenfanden, könnten sie sich auch jederzeit wieder trennen, doch Alma wird Roberto, der seit über dreißg Jahren in Spanien lebt und in seine Geburtsstadt reiste, um die Wohnung seines verstorbenen Vaters aufzulösen, in sein Hotel fahren, und es wird eine ebenso zögerliche wie zarte Annäherung zwischen ihnen stattfinden.

Dass die argentinische Filmemacherin Paula Hernández vor ihrem Filmstudium an der Universidad del Cine eine Theaterausbildung als Schauspielerin absolviert hat, schimmert bei ihrem zweiten Spielfilm Im Regen des Südens unübersehbar durch. Ebenso unprätentiös wie beeindruckend agieren Valeria Bertuccelli und Ernesto Alterio als starke, stringente Figuren nach ihrem Drehbuch und ihrer Regie, denen allein Stimmungen und Orte ohne die Relevanz weiterer Charaktere zugesellt werden. Durch dieses reduktionistische Arrangement entfaltet sich ein unausweichlicher Fokus auf die häufig banal gestaltete Augenblicklichkeit der Begegnung, die bewusst auf spektakuläre Momente verzichtet.

Da gibt es Alma und Roberto mit ihren allenfalls angedeuteten Hintergründen, die ziellos und spontan miteinander umgehen, zusammen flanieren und sprechen, ohne dass ihnen und den Zuschauern eine künstliche Tiefgründigkeit aufgezwungen wird. Ohne Hast ereignet sich diese kleine Geschichte, die bei einigen Wendungen das Potential birgt, über ihren schlichten Rahmen hinauszuwachsen, doch genau in dieser konsequenten Vermeidung von Höhepunkten liegt die bescheidene, bewegende Qualität dieses leisen, zärtlichen und doch nicht romantisierenden Dramas, das in seiner kunstvoll installierten Bildsprache der Tropfen und des Regens einen Schleier über allzu vage Emotionen sowie eindeutige Einblicke legt.

Beim Internationalen Filmfestival Mannheim-Heidelberg mit dem Großen Preis als Bester Film ausgezeichnet, in sieben Kategorien für den Preis des Verbandes der argentinischen Filmkritiker nominiert und mit dem Clarin Entertainment Award prämiert kommt Im Regen des Südens nun in der spanischen Originalfassung mit deutschen Untertiteln bei uns in die Kinos. Ohne sich zu gängigen Gefälligkeiten verleiten zu lassen, gelingt es diesem geradezu spartanisch ausgestatteten Film, seine temporär orientierungslosen Protagonisten ein seltenes Moratorium der letztlich doch unverbindlichen, nichtsdestotrotz tragenden Nähe erleben zu lassen, die sie verändert in ihr gewohntes Leben zurückkatapultieren wird – oder auch nicht.

Wenig wichtig wirkt, was auch immer sich für Alma einerseits und Roberto andererseits zukünftig ergeben wird, derart verankert erscheint ihre Geschichte im ruhigen Erleben einer Zeit, die ihre Signifikanz nicht preisgibt. Beide haben ausreichend gerastet und werden ihren Weg wieder aufnehmen, und selbst das Ergebnis des Schwangerschaftstests, den Alma am Ende doch noch durchführt, ist im Grunde ohne Bedeutung angesichts der kompromisslosen Verortung im Jetzt, die der Film beharrlich etabliert, der ein sanftes, unaufgeregtes Stück über das Alleinsein der menschlichen Existenz darstellt, das sich kurioserweise nicht zwangsläufig einsam gestalten muss.

Im Regen des Südens

Es regnet, als sich Alma (Valeria Bertuccelli) und Roberto (Ernesto Alterio), beide um die Vierzig, in Buenos Aires begegnen, und dieser Regen wird die beiden während ihrer Bekanntschaft in der argentinischen Metropole auch weiterhin als durchdringendes und gleichzeitig undruchdringliches Motiv mit starker Symbolkraft begleiten.
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