Im Niemandsland (2019)

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Der Mauerfall jährt sich zum 30. Mal, zig Filme zum Thema kommen in die Kinos. Aus dem Jahr nach dem Mauerfall macht Florian Aigner einen Sommer der Verliebten, der seine Protagonisten ins familiäre Grenzgebiet schickt.

Im Niemandsland (2019)

Eine Filmkritik von Falk Straub

Liebe im Herzen, die Mauer im Kopf

Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer. 30 Jahre später reißen nie vollständig verheilte Wunden wieder auf. Im öffentlichen Diskurs ist wieder viel vom „Besserwessi“ und vom „Jammerossi“ die Rede. Florian Aigners erster abendfüllender Spielfilm ist nur einer von vielen, der im Jubiläumsjahr zu diesem Thema in die Kinos kommt, dafür einer der differenziertesten. Seine am Reißbrett entstandene Figurenzeichnung und die formelhafte Handlung kann er aber nie ganz verbergen.

Mit Nick Kamens Song I Promised Myself auf den Ohren steigt die 16-jährige Westberlinerin Katja Behrendt (Emilie Neumeister) durch ein Mauerloch in den Osten. Ihr Vater Alexander (Andreas Döhler) hat seinen Wohnwagen in Kleinmachnow vor einem Einfamilienhaus abgestellt, das vor der Zwangsenteignung seinem eigenen Vater gehörte. Drinnen wohnen Erwin Paulsen (Uwe Preuss), der Präsident der Bauakademie, seine Frau Beatrice (Judith Engel) und ihr Sohn Thorben (Ludwig Simon). Die Fronten scheinen klar. Hier die Nachkommen der Opfer des DDR-Regimes, dort die Täter. Denn, „wer in Kleinmachnow wohnt, war in der Stasi“, sagt der Vater vor und das plappert Katja gebetsmühlenartig nach.

So einfach ist die Sache freilich nicht. Ein paar Szenen weiter, nun in der behrendtschen Wohnung, tun sich weitere Gräben auf. Alexanders ungesunde Fixierung auf Wiedergutmachung hat seine Frau Heidi (Lisa Hagmeister) in die Arme des Nachbarn Thomas (Karsten Antonio Mielke) getrieben. Katjas Mitschüler und Nachbar Andy (Michelangelo Fortuzzi) ist unglücklich in Katja verliebt. Die hat derweil nur Augen für Thorben, genug vom Ehezwist und Vaters Frust und demoliert zur Strafe dessen Wohnwagen. Brüderchen Nils (Alois Gwinner) geht derweil im familiären Kugelhagel unter.

Als historische Folie dienen Fernsehausschnitte, die nahtlos im 4:3-Format in die Handlung übergehen. Während Wiedervereinigung und Währungsunion unaufhaltsam näher rücken, verschieben sich die Fronten. Katja küsst Thorben kess auf den Mund. Aigner inszeniert den Sommer 1990 als Sommer zweier Verliebter, mal von Thorbens Mutter, mal von Katjas Vater argwöhnisch beäugt und von Armin Dierolfs agiler Kamera beinahe dokumentarisch eingefangen. Thorbens Handballtrainer Maik (Shenja Lacher) sieht in der Beziehung der beiden die Zukunft: eine Vereinigung über alle Grenzen hinweg. Doch der Liebe kommen familiäre Solidaritäten in die Quere.

In hitzigen Rededuellen werden Konflikte ausgefochten, die bis heute nachwirken. Katja ist nicht ihr Vater, Thorben nicht seine Mutter – und doch ist es schwer, sich über die eigene Herkunft zu stellen und die Mauer in den Köpfen einzureißen. Oft zu gewollt und dadurch schematisch und vorhersehbar, aber stets pointiert, zeigt Aigners Drehbuch Menschen, die in Schwarz-Weiß denken, während die Realität in 256 Farben schillert.

So wackelig der politische Unterbau sein mag, so stark ist die Liebesgeschichte. Aigner hat eine einfallsreiche und lebensnahe Lovestory mit tollen Nachwuchsdarstellern gedreht; ein deutsch-deutsches Romeo und Julia mit Happy End und zwei Protagonisten, die sich statt unter einem Balkon im titelgebenden Niemandsland zwischen den Mauerresten treffen und damit den antiken Vorläufern Pyramus und Thisbe noch einen Steinwurf näher stehen.

Im Niemandsland (2019)

„Im Niemandsland“ spielt in Berlin im Sommer 1990 und erzählt eine „Romeo und Julia“-Liebesgeschichte vor der historischen Umbruchsphase zwischen Mauerfall und deutscher Einheit.

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