Im Namen der Tiere

Im Namen der Tiere

Eine Filmkritik von Rochus Wolff

Einseitige Kost

Was auch immer man gegen Im Namen der Tiere vorbringen möchte, dieser Film kommt aus tiefster Überzeugung. Er hat eine Botschaft, klar und deutlich, und trägt sie mit Verve und Nachdruck vor, auch mit dem sehr gebändigten Zorn der Gerechten. Die Filmemacherin Sabine Kückelmann wird umgetrieben vom Leid der geknechteten Kreatur und dieser Film ist ihre Reaktion, ihr Ruf nach Aufmerksamkeit.
Das Leid der Tiere also: Was wir ihnen antun, um unser bequemes Leben führen zu können, wie unnötig es zugleich sei, um das bequeme Leben zu haben – das will der Film zeigen. Und zeigt lang und ausführlich Bilder aus Zuchtställen, Schlachthäusern, Tierversuchslaboren, Pelzfarmen. Alle diese Bilder, die man nicht sehen möchte und wahrscheinlich öfter sehen sollte, um zu begreifen, zu welchem Preis sich billiges Fleisch nur erkaufen lässt. Was hinter verschlossenen Türen mit Tieren geschieht, wie sie misshandelt und missbraucht werden.

Neuigkeiten sind das freilich nicht. Die Diskussionen über Massentierhaltung werden ja schon seit langem geführt; auch die Argumente gegen Tierversuche für Medikamente sind nicht neu, sondern gab es in ihren Grundzügen schon in den 1980ern: Primär den Hinweis, Tierversuche brächten letztlich mit Menschen nicht vergleichbare und deshalb vor allem nicht verlässliche Ergebnisse. Ein wenig neuer ist nur der Verweis auf Computermodelle, die viele Versuche überflüssig machen. Nicht nur deswegen muss man sagen: Dieser Film wird niemanden überzeugen, der nicht schon vorher Zweifel an seinem Fleischkonsum hatte.

Im Namen der Tiere oszilliert zwischen ethischen Einwänden – dem Verweis auf das leidende Lebewesen, auf Schmerzempfinden – und Erklärungen dazu, warum bestimmte Praktiken nicht so notwendig seien wie allgemein suggeriert werde: Brauchen wir wirklich Nahrungsmittel wie Fleisch, Milch oder Eier für eine ausgewogene Ernährung? Kommen wir nicht auch ohne Echtpelz und Tierversuche aus?

Manches – vieles – davon ist mehr als legitim. Und auch wenn Veganismus aktuell wie eine modische Erscheinung wirkt, so kann man durchaus sinnvoll und kontrovers darüber diskutieren, ob z.B. tierisches Eiweiß aus der Milch für den Menschen insgesamt vielleicht doch schädlich ist.

Man könnte das diskutieren. Das Problem von Kückelmanns Film ist allerdings: Es wird nicht diskutiert, nicht abgewogen. Im Namen der Tiere ist so von seiner eigenen Haltung überzeugt, dass andere Meinungen gar nicht zu Wort kommen – und wenn, dann nur aus dem Munde von Menschen, die Tierschützer_innen oder Tierrechtler_innen sind, vegan leben oder Tiere aus erbarmungswürdigen Umständen herauskaufen.

Es sind ein paar illustre Namen dabei, mit denen Kückelmann gesprochen hat. Eugen Drewermann ist in längeren Passagen zu hören, gewohnt bedächtig und überzeugend, er betont die Nähe des Menschen zum Tier, trennt beide von der Pflanzenwelt stärker ab – und begründet das alles immer gut. Oder Jonathan Safran Foer, der mit Eating Animals auch ein Buch über die Fleischindustrie geschrieben hat.

Aber es gibt eben in diesem Film niemanden, der auch mal in die andere Richtung sprechen würde, der vielleicht sinnvolle Argumente hätte, bedächtig für den maßvollen Verzehr von Fleisch spräche – in Kückelmanns Welt kommen so etwas nicht vor. Es gibt die Nahrungsmittelindustrie, und auch Bio ist letztlich nicht besser. Zum einen, weil es den Tieren da auch nicht immer gut geht (was sicherlich stimmt), zum anderen, weil Tiere zu töten eben unethisch ist.

Das funktioniert in den Aussagen der zahlreichen Talking Heads des Films und in der Narration von Kückelmann sehr oft über die Vermenschlichung der Tiere – ihnen werden Gefühle zugeschrieben, da können Tiere sich "verlieben", "suchen sich Partner aus", haben "Familie". Ebenso konsequent wird dann gefordert, der Mensch, dem Tier so ähnlich, müsse seine ethischen Regeln auch für diese gelten lassen.

Fleischfresser und Raubtiere kommen in dieser Welt allerdings nicht vor – der Mensch ist hier dann eben doch nicht so sehr Teil der Natur, dass ihm der (in freier Wildbahn ja nicht unbekannte) Fleischkonsum zugeschrieben werde. Dass Fleisch Teil der menschlichen Diät sein könne, ist in Im Namen der Tiere nur als Element einer immer weiter tradierten gesellschaftlichen Konvention vorstellbar, nicht auch als menschheitsgeschichtliches Kontinuum. (Was natürlich nichts daran ändert, dass wir heutzutage viel zu viel Fleisch essen.)

Dadurch, dass in dem Film so durchaus widersprüchliche Haltungen zur Kernfrage (Ist der Mensch ein Tier oder doch von der Tierwelt getrennt?) ohne große Gedanken nivelliert und vermischt werden, wird er intellektuell unpräzise. Dadurch, dass er andere Meinungen überhaupt nicht zu Wort kommen lässt, mag man sich auf keine seiner Aussagen so ganz verlassen. Unwidersprochen und undifferenziert wird dann auch geäußert, "der Staat" gehöre ja eh "den Unternehmen" – da ist es vom Tierschutz zu antidemokratischen Gedanken nicht mehr besonders weit.

Das Unwohlsein mit dieser Einseitigkeit wird noch dadurch verstärkt, dass manche der Interviewpartner offenbar sehr davon überzeugt sind, auf der richtigen Seite zu stehen – und man ihnen dieses Überlegenheitsgefühl in einigen Momenten sprichwörtlich an den Gesichtszügen ablesen kann. Herablassung ist jedoch keine besonders produktive Haltung in einer offenen Diskussion – und wenn sie von einem Vertreter von PETA kommt, mag man sie auch nicht so ganz ernst nehmen. Die Kritik an der Tierschutzorganisation insbesondere für ihre als sexistisch wahrgenommenen Kampagnen taucht allerdings in Im Namen der Tiere auch überhaupt nicht auf.

Wie überhaupt die herbeigewünschte Welt womöglich doch ein wenig einfach gestrickt ist. Da zeigen "Mütter ... ihren Kindern die Schönheit der Tierwelt" und am Ende grasen friedlich ein paar Ziegen auf grünsten Wiesen unter blauem Himmel zu zarter Streichmusik. Das ist alles ein bisschen viel, ein bisschen schlicht.

Für eine bessere Welt tut man womöglich mehr, wenn man sich statt dieses Films Foers Buch (als Tiere essen auch in sehr guter Übersetzung auf Deutsch) zu Gemüte führt und mal wieder ausführlich und vegetarisch mit seinen Kindern kocht.

Im Namen der Tiere

Was auch immer man gegen "Im Namen der Tiere" vorbringen möchte, dieser Film kommt aus tiefster Überzeugung. Er hat eine Botschaft, klar und deutlich, und trägt sie mit Verve und Nachdruck vor, auch mit dem sehr gebändigten Zorn der Gerechten. Die Filmemacherin Sabine Kückelmann wird umgetrieben vom Leid der geknechteten Kreatur und dieser Film ist ihre Reaktion, ihr Ruf nach Aufmerksamkeit.
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